Charmanter Weltzeit-Chrono: SINN 144
Vorteile: Schöner und gut verarbeiteter Sport-Chronograph mit 2. Zeitzone mit deutlichen Anleihen an die Formensprache von Porsche Design, hervorragend ablesbar, ganggenau
Nachteile: Gehäuse empfindlich gegen Kratzer, Uhrwerk nur mit Standard-Finessierung
Besonderheiten der SINN 144 GMT St.:
Trotz des relativ hohen Preises (Liste von September 2007: 1.115,- € mit Lederband) habe ich mir meine Traumuhr dann doch gekauft: eine SINN 144 GMT St. mit Lederband. Diese von SINN als "Weltzeit-Chronograph" bezeichnete Uhr verfügt neben der "normalen Zeitanzeige" (Stunde, Minute, Sekunde) über eine Stopfunktion für die Messung von Zeiten bis zu 12 Stunden und über einen weiteren, separat vom normalen Stundenzeiger verstellbaren Stundenzeiger für die Anzeige der Uhrzeit in einer zweiten Zeitzone. Der Clou: wird dieser zweite Zeiger nicht benötigt, kann er unter dem normalen Stundenzeiger "geparkt" werden und läuft einfach mit.
Gehäuse, Glas, Zifferblatt und Band:
Das Modell 144 GMT St. ist eine klassische SINN-Uhr mit perlgestrahltem Tonneau-Gehäuse, planem, innen entspiegeltem Saphirglas und schwarzem Zifferblatt.
Gehäuse und Zifferblatt nehmen in der Formgebung deutliche Anleihen bei den Entwürfen der Firma Porsche Design – man vergleiche einmal die SINN 144 und die mittlerweile nicht mehr erhältliche SINN 157 mit dem von Porsche Design entworfenen und von Orfina gebauten Chrono I von 1973.
(Bildquelle: http://www.chronomaster.co.uk/vintage_watches.htm)
Mit ihren 41 mm Durchmesser und knapp 15 mm Bauhöhe ist die 144 von sehr harmonischen Proportionen und für normale Handgelenke geeignet - sehr im Gegensatz zu den heute modernen Riesenuhren vom Typ "Haftmine XXL." Dazu paßt sehr schön das mit weißer Kontrastnaht verzierte schwarze Lederband. Dieses Band ist mit den 20 mm breiten Anstößen in das Gehäuse der Uhr integriert und verjüngt sich zur Stiftschließe auf 18 mm. Unter den beiden Lederstücken sitzt ein schwarzes Silkonband, das sich von 26 mm an den Anstößen auf 22 mm vor der Schließe verjüngt und dadurch optisch den Eindruck erweckt, das Band schließe an den Anstößen völlig bündig mit der Uhr ab!
Die verschraubbare Krone (1. Raste: Datum, 2. Zeitzone, 2. Raste: Sekundenstop, "Normalzeit") sitzt wie üblich bei 3 und ist groß und griffig genug, um sich schnell und einfach bedienen zu lassen. Die beiden geschützten, aber nicht verschraubbaren Chrono-Drücker sitzen, wie bei praktischen allen Stopuhren mit dem millionenfach bewährten ETA/Valjoux 7750-Werk, bei 2 (Start/Stop) und 4 (Rückstellung). Das Gehäuse ist wasserdicht, druckfest bis 20 bar (dies entspricht dem statischen Druck einer Wassersäule von 200 m Höhe) und unterdrucksicher bis zu jeder erreichbaren Flughöhe. Trotz der relativ hohen Druckfestigkeit ist die 144 GMT St. definitiv nicht als Taucheruhr geeignet, auch nicht mit dem optional erhältlichen Stahlband, sondern ein klassischer Sport- und Flieger-Chronograph. Von der Betätigung der Chrono-Drücker unter Wasser wird übrigens dringend abgeraten, weil hier die Gefahr besteht, daß Feuchtigkeit ins Gehäuse eindringt.
Der Gehäuseboden bietet als besonderes "Highlight" ein Sichtfenster aus innen entspiegeltem Saphirglas. Wäre das in die 144 eingeschalte Großserienwerk ETA/Valjoux 7750 wenigstens noch serienmäßig hochfein veredelt (perlierte Platine, gebläute Schrauben, Rotor mit Genfer Streifenschliff), böte das Werk einen ästhetisch befriedigenden Eindruck. So aber muß man SINN angesichts dieses Massenproduktes im Standard-Finish schon fragen, ob hier ein Stahlboden nicht stimmiger gewesen wäre. Zu einem Sport-Chronographen hätte er ohnehin besser gepaßt. Witzigerweise gibt es einen solchen Stahlboden als kostenpflichtiges Extra - mehr dazu weiter unten.
Das schwarze Zifferblatt ist mit deutlich lesbaren und nachtleuchtenden Indizes und arabischen Ziffern im Stil der 1970er gehalten. Das mit einer dünnen weißen Linie umrandete Datumsfenster bei 3 gibt den Blick auf die schwarze Datumsscheibe mit weißen Ziffern frei. Vor dem Datumsfenster findet sich der Schriftzug der Marke SINN, ansonsten ist das Zifferblatt von (m. E. ohnehin überflüssigen) Texten frei. Die minimal vertieften Totalisatoren zeigen bei 12 die gestoppten Minuten, bei 6 die gestoppten Stunden und bei 9 die permanent mitlaufenden Sekunden der "Normalzeit" an. Natürlich gibt es an den Stellen, an denen sich entweder das Datumsfenster oder ein Totalisator befinden, keine arabischen Numerale auf dem Zifferblatt. Zu erwähnen gibt es noch die um das Zifferblatt angeordnete Tachymeter-Skala, mit der sich mit Hilfe des Chronographen gemessene Zeiten in Geschwindigkeiten umrechnen lassen. Für Sportwagenfahrer und Hobby-Piloten mag das ein nettes Extra sein.
Die relativ breiten Stabzeiger für "Normalzeit" und der in einer kräftigen Pfeilspitze endende Stabzeiger für die zweite Zeitzone sind perfekt gesetzt und reichlich mit grüner Superluminova belegt. Die Leuchtzeiger garantieren, ebenso wie die Leuchtindizes und -numerale auf dem Zifferblatt, eine vorbildliche und lange anhaltende Ablesbarkeit auch bei völliger Dunkelheit.
Die Länge des Minutenzeigers ist gut gewählt, denn die Zeigerspitze reicht bis in die Minuterie - ein Garant für präzise Einstell- und Ablesbarkeit. Der kleine Sekundenzeiger ist übrigens weiß und nicht nachleuchtend. Hervorzuheben wären die drei Chronographenzeiger, wenn diese das nicht schon durch ihre leuchtend rote Farbe selbst täten. Durch die rote Farbe ist eine Verwechselung der Chrono-Zeiger mit denen für die "Normalzeit" definitiv ausgeschlossen. In der Nullstellung scheinen der zentrale Sekundenstopzeiger und die bei 12 und 6 angeordneten Minuten- und Stundenzähler das Zifferblatt mit einer feinen roten Linie zu teilen, und auch das paßt ausgezeichnet zur klassischen Sportchrono-Optik dieser Uhr.
Uhrwerk:
Mit Bezug auf das in der 144 verbaute Großserienwerk ETA/Valjoux 7750 gibt es im Grunde nur drei Dinge zu erwähnen:
1. Das Finish ist ästhetisch nicht befriedigend. Dies ist allerdings dem Umstand geschuldet, daß SINN hier auf den bei Sportuhren üblichen Stahlboden verzichtet hat und unbedingt glaubt, dieses völlig unspektakuläre Werk aus der ETA-Massenproduktion durch einen Glasboden zur Schau stellen zu müssen. Der Gesamteindruck: das sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt. Immerhin gibt es aber den Stahlboden im Austausch zum Standardboden mit Saphirglas für 35,- €...
2. Mehr als entschädigen kann das brave "Arbeitspferd" für seine optische Schlichtheit mit guten bis sehr guten Gangwerten. Zwar liegt die Abweichung während des Eintragens noch bei ca. 10 Sekunden/Tag, doch zeigt sich, daß sowohl die Konstanz des Gangverhaltens als auch die relative Unempfindlichkeit gegen Lage- und Temperaturveränderungen es sehr leicht machen werden, das Werk nach dem Eintragen auf einen konstanten, hauchdünnen Vorgang einzuregulieren. Dies bestätigt, daß SINN nach eigenen Angaben die Top-Qualitätsstufe von ETA verwendet, die nur noch von den als Chronometer zertifizierten Top-Werken übertroffen werden. Allerdings fällt der Preisaufschlag für dieses "Stück Papier namens C.O.S.C.-Zertifikat" mit 185,- € doch recht heftig aus, weshalb man sich die Kosten dafür sparen sollte. Eine höherwertige Finessierung (Veredelung) des Werkes schlägt übrigens mit 160,- € zu Buche. Da ist es - siehe oben - erheblich preiswerter, den Glas- durch einen Stahlboden ersetzen zu lassen.
3. Die Möglichkeit zur Anzeige einer zweiten Zeitzone. Im Unterschied zu den meisten Uhren mit einer zweiten Zeitzone (sogenannte UTC-Uhren mit separater 24-Stunden-Anzeige) gibt es hier eine 12-Stunden-Anzeige, d. h., es läuft einfach ein zweiter Stundenzeiger in während des Betriebs konstantem Abstand zum ersten mit. Allerdings ist der zweite Stundenzeiger unabhängig vom ersten einstellbar und kann sogar unter dem ersten Zeiger "geparkt" (= versteckt) werden, wenn die Anzeige einer zweiten Zeitzone nicht benötigt wird. Bei der Einstellung der Zeit würde ich mir übrigens etwas weniger Spiel bei Verstellen des Minutenzeigers wünschen, aber mit ein bißchen Übung klappt das präzise Einstellen recht gut.
Fazit:
Die Uhr trägt sich dank ihrer moderaten Größe und des sehr bequemen Lederbandes ausgezeichnet. Damit erweist sich die SINN 144 GMT St. als eine grundsolide, formschöne und ganggenaue Begleiterin in fast allen Lebenslagen.
Die Ablesbarkeit ist vorbildlich, die Bedienung denkbar einfach.
Ihr Design macht die SINN 144 zu einer Uhr, die ich gar nicht mehr vom Handgelenk nehmen möchte. Kritisieren kann ich nur das sehr kratzempfindliche Gehäuse (auf perlgestrahltem Edelstahl sieht man absolut jeden Mikrokratzer!) und die Tatsache, daß SINN kein optisch schöneres Werk verwendet oder ihren Kunden den Blick auf das Werk mit einem serienmäßigen Stahlboden verwehrt.
Damit erübrigt sich wohl auch schon die Frage, ob ich den Weltzeit-Chrono SINN 144 empfehlen kann. Denen, die bereit sind, für diesen klassisch schönen und sehr soliden Sport-Chronographen über 1.100 € auszugeben, möchte ich die 144 GMT St. wärmstens ans Herz legen. Diese Uhr gehört zwar zu denen, über die man in Katalogen und selbst in den Schaufenstern der SINN-Depots leicht hinwegsieht, aber die Schönheit und der eigenwillige 1970er-Jahre-Charme der SINN 144 erschließen sich ihrem Besitzer am Handgelenk. Und dann merkt man, daß der Moment gekommen ist, in dem man sich in eine Uhr verliebt hat.