Auch andere Mütter haben schöne Töchter:
Micromilspec bezeichnet seine neue Fieldmaster als moderne professionelle Einsatzuhr, entwickelt nach den Anforderungen aktiver Militärangehöriger. Das ist zunächst eine jener Aussagen, bei denen etwas Vorsicht angebracht ist. „Developed with operators“ gehört inzwischen fast ebenso selbstverständlich zum taktischen Marketing wie schwarze Beschichtung und ein Photo mit Plattenträger.
Bei der Fieldmaster steckt dahinter zumindest mehr als eine Gesprächsrunde mit einem Markenbotschafter. Micromilspec dokumentiert ein 2019 begonnenes Field Testing Unit Program mit dreißig Uhren für Angehörige der norwegischen Streitkräfte. Nach Herstellerdarstellung lief es bis 2022; die neue Fieldmaster soll die daraus gewonnenen Anforderungen in eine Serienuhr übersetzen.
Ein veröffentlichter militärischer Testbericht, Teilnehmeraussagen oder Versuchsprotokolle liegen allerdings nicht vor. Interessant ist deshalb weniger, daß Soldaten gefragt worden sein sollen, sondern welche konstruktiven Konsequenzen daraus gezogen worden sein sollen.
Die klassische Field Watch noch einmal von vorne
Die traditionelle militärische Field Watch folgt einer alten Aufgabe: möglichst einfach, robust und gut ablesbar die Zeit anzeigen. Viele heutige „Field Watches“ übernehmen vor allem die optische Sprache ihrer Vorgänger.
Micromilspec fragt dagegen: Wenn man heute mit heutigen Materialien und Arbeitsumgebungen neu beginnen würde – was wäre tatsächlich wichtig?
Nach Herstellerangaben lauteten einige Antworten: gute Ablesbarkeit, wenig Gewicht, lange Gangreserve und Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern.
Warum die Sekunde aus dem Weg muß
Die Fieldmaster besitzt keine zentrale Sekunde; sie läuft in einem kleinen Hilfszifferblatt. Micromilspec nennt dafür einen funktionalen Grund: Stunden- und Minutenzeiger sollen beim Ablesen möglichst wenig von einem weiteren Zeiger überlagert werden.
Wenn Stunden und Minuten die primäre Information sind, ist ein Sekundenzeiger zusätzliche Bewegung auf genau jener Anzeige, die möglichst schnell erfaßt werden soll. Dasselbe Prinzip erklärt die großen Lumicast-Indizes und Zeiger.
Ob der Unterschied gegenüber einer guten herkömmlichen Einsatzuhr praktisch groß ist, läßt sich bislang nicht unabhängig quantifizieren.
Die Logik ist dennoch nachvollziehbar: Was für die primäre Information nicht gebraucht wird, soll ihr möglichst wenig im Wege stehen.
Und deshalb gibt es auch keine Drehlünette
Die Fieldmaster besitzt keine drehbare Lünette. Micromilspec begründet auch das mit Rückmeldungen aus dem Feldtest: Eine nicht benötigte Funktion sei zusätzliche Information, zusätzliches Bauteil und mögliche Fehlerstelle.
Bei einer Taucheruhr ist eine Drehlünette ein Werkzeug. Bei einer Uhr, deren Benutzer sie nicht benötigt, ist sie zunächst nur ein bewegliches Teil.
Nicht fragen, welche weitere Funktion man unterbringen kann, sondern welche Funktion man weglassen darf.
Titan löst kein militärisches Problem – Gewicht schon
Das 40-mm-Gehäuse besteht aus Titan, ist 11,2 mm hoch und bis 200 Meter wasserdicht. Titan macht eine Uhr nicht automatisch militärisch zweckmäßig. Micromilspec begründet das Material aber mit geringerem Gewicht.
Wer viele Stunden Ausrüstung trägt, weiß, daß sich kleine Gewichte addieren. Entscheidend ist deshalb nicht, ob Titan „taktisch“ ist, sondern ob es dieselbe Aufgabe bei geringerem Gewicht erfüllt.
Vier Tage Gangreserve sind keine Komfortfunktion
Im Inneren arbeitet ein gemeinsam mit Horage spezifiziertes K3-Automatikwerk. Horage gibt dafür 100 Stunden Gangreserve, Siliziumhemmung, Siliziumspirale und eine Regulierung von –4 bis +6 Sekunden pro Tag an.
Eine lange Gangreserve wird gewöhnlich als Komfortmerkmal verkauft: Freitag abgelegt, Montag wieder angezogen, Uhr läuft noch. Micromilspec begründet sie funktionaler: Im Testbetrieb habe es mehrtägige Tragepausen gegeben. Läuft die Uhr danach noch, muß sie nicht neu gestellt werden.
Ob gerade diese Nutzung zur Entscheidung für 100 Stunden führte, bleibt mangels veröffentlichter Testdaten Herstellerangabe.
100 Stunden Gangreserve sind nicht deshalb interessant, weil vier Tage beeindruckender klingen als zwei, sondern weil sie eine typische Nutzungslücke überbrücken.
Magnetfelder: das modernere Problem einer mechanischen Einsatzuhr
Klassische militärische Uhrenspezifikationen entstanden in einer technisch deutlich überschaubareren Umgebung. Heute arbeitet militärisches und technisches Personal regelmäßig in der Nähe von Elektromotoren, Funktechnik, Generatoren oder Sensoren.
Eine mechanische Uhr mit Stahlspirale kann auf starke Magnetfelder empfindlich reagieren. Das K3 verwendet deshalb Silizium für Spiralfeder und Teile der Hemmung. Horage beschreibt diese Komponenten als nicht ferromagnetisch.
In Micromilspecs Produktvorstellung wird einem Horage-Verantwortlichen zudem die Aussage zugeschrieben, entsprechende Komponenten behielten ihre Genauigkeit auch bei 15.000 Gauß und darüber hinaus.
Das sollte man sauber einordnen: Die Siliziumkomponenten sind dokumentiert; eine 15.000-Gauß-Prüfung der kompletten Fieldmaster ist damit aber nicht belegt. Bei einer zertifizierten antimagnetischen Uhr wird die fertige Uhr unter definierten Bedingungen geprüft, nicht nur einzelne Werkskomponenten.
Einen unabhängigen Laborbericht zur fertigen Fieldmaster bei 15.000 Gauß habe ich bislang nicht gefunden. Die technische Argumentation ist plausibel; die konkrete Zahl bleibt eine Aussage aus dem Herstellerumfeld.
Die Gangreserveanzeige sitzt hinten
Das K3 kann eine Gangreserveanzeige besitzen. Micromilspec hat sie verwendet – aber auf der Rückseite. Die Information bleibt verfügbar, befindet sich jedoch nicht ständig auf dem Zifferblatt.
Das ist Informationshierarchie statt Funktionsverzicht: Die Funktion bleibt, nur ihre Anzeige muß nicht ständig um Aufmerksamkeit bitten.
Vom Testprogramm zur Serienuhr
Micromilspec sagt, daß dreißig aktive Militärangehörige zwischen 2019 und 2022 Testuhren getragen und Rückmeldungen geliefert hätten. Das ältere Field Testing Unit-Modell ist dokumentiert; die Geschichte eines militärischen Feldtests ist also nicht erst mit der heutigen Fieldmaster-Kampagne aufgetaucht.
Ein unabhängiger Beweis für sämtliche Details ist das aber nicht. Weder ein Abschlußbericht noch die einzelnen Rückmeldungen sind veröffentlicht; damit läßt sich nicht nachvollziehen, ob kleine Sekunde, fehlende Drehlünette, Titan oder lange Gangreserve unmittelbar auf bestimmte Testerfahrungen zurückgehen.
Man kann deshalb drei Dinge trennen: Daß Micromilspec seit Jahren Uhren für militärische Einheiten entwickelt, ist dokumentiert. Daß der Hersteller seit 2019 ein Testprogramm mit dreißig Uhren beschreibt, läßt sich anhand älterer Unterlagen nachvollziehen. Daß exakt dreißig aktive Militärangehörige drei Jahre lang testeten und die heutige Fieldmaster unmittelbar das Ergebnis dieser Rückmeldungen ist, bleibt Herstellerangabe.
Daraus folgt auch nicht, daß die Fieldmaster offiziell von einer Streitkraft beschafft, eingeführt oder ausgegeben wurde.
„Von Militärangehörigen mitentwickelt“, „im militärischen Umfeld getestet“ und „als dienstlich gelieferte Ausrüstung bereitgestellt“ sind drei verschiedene Aussagen.
Ist das nun die moderne Field Watch?
Micromilspec bezeichnet die Fieldmaster selbstbewußt als modernen Referenzpunkt für eine professionelle Field Watch.
Das ist Marketing.
Bzw.: Kleinsttruppendiensttaugliche Felduhr würde schließlich auch deutlich weniger international klingen.
Interessanter ist, daß sich mehrere Entscheidungen aus einer gemeinsamen Funktionslogik erklären lassen: große Zeiger und Indizes für Ablesbarkeit, kleine Sekunde statt zusätzlicher Bewegung im Zentrum, keine Drehlünette ohne erkennbare Aufgabe, Titan für weniger Gewicht, lange Gangreserve für mehrtägige Tragepausen, Siliziumkomponenten gegen Magnetfelder und die Gangreserveanzeige auf der Rückseite.
Keine einzelne dieser Eigenschaften ist revolutionär. Interessant ist ihre Kombination – und die Begründung dahinter. Technisch ist vieles nachvollziehbar; daß diese Entscheidungen tatsächlich in genau dieser Form aus einem dreijährigen militärischen Feldversuch hervorgegangen sind, läßt sich öffentlich derzeit nicht belegen.
Fazit
Die Micromilspec Fieldmaster ist keine militärische Uhr, weil sie schwarz ist, aus Titan besteht oder der Hersteller Einheiten aufzählt.
Interessant wird sie dort, wo sich konkrete Konstruktionsentscheidungen auf konkrete Nutzungssituationen zurückführen lassen.
Die Uhr kann nicht mehr Zeit anzeigen als eine wesentlich billigere mechanische Uhr. Sie besitzt keinen Kompaß, kein GPS, keinen Höhenmesser und keine taktische Software.
Statt dessen versucht sie etwas Unspektakuläreres: weniger Gewicht, weniger unnötige Bewegung auf dem Zifferblatt, weniger überflüssige Bauteile, weniger Empfindlichkeit gegenüber Magnetismus und eine geringere Wahrscheinlichkeit, daß sie nach einigen Tagen im Gepäck neu gestellt werden muß.
Das ist kein neuer militärischer Zeitstandard. Es ist eine Einsatzuhr, bei der offenbar jemand vor dem Zeichnen gefragt hat, was der Benutzer eigentlich braucht.
Die militärischen Kundenbeziehungen von Micromilspec sind dokumentiert, das Testprogramm wird seit Jahren beschrieben. Nicht unabhängig nachvollziehen lassen sich jedoch dessen vollständige Durchführung, die einzelnen Rückmeldungen und die Behauptung, praktisch jede konstruktive Entscheidung sei unmittelbar daraus entstanden.
Das ist weniger spektakulär als ein unabhängiger Erprobungsbericht, aber vermutlich die sauberere Aussage.