62 Stunden Gangreserve, bis zu 25 Jahre konstante Ablesbarkeit und 2.745 Euro Kaufpreis: Die neue Luminox Master Carbon SEAL Automatic Chronograph XS.3881 bietet mit 45 mm x 17 mm, 121 Gramm und 200 Metern nomineller Wasserdichtigkeit Gelegenheit, über die unterschiedlichen Vorstellungen von Nachhaltigkeit in der Uhrenindustrie nachzudenken.
Die Gangreserve des automatischen Sellita SW500 wird mit 62 Stunden angegeben. Danach muß das Werk erneut aufgezogen werden. Für die 16 Tritiumgaslichtquellen spricht Luminox dagegen von bis zu 25 Jahren konstanter Ablesbarkeit. Das klingt beruhigend, zumal sich der Kaufpreis über diesen Zeitraum auf gerade einmal 109,80 Euro jährlich verteilt. Vorausgesetzt natürlich, der Käufer verfügt seinerseits über die erforderliche biologische Gangreserve.
Die Halbwertszeit als Wartungsplan
Tritiumgaslichtquellen sind seit Jahrzehnten bewährte Technik. Ihr Vorteil ist die selbständige Beleuchtung ohne Batterie oder vorherige Lichteinwirkung. Ihre Schwäche ist ebenso bekannt: Tritium zerfällt mit einer Halbwertszeit von rund 12,32 Jahren. Die Lichtemission nimmt deshalb kontinuierlich ab. Nach zwölf Jahren steht nur noch ungefähr die Hälfte, nach 25 Jahren etwa ein Viertel der ursprünglichen, durch den Tritiumzerfall gespeisten Leuchtleistung zur Verfügung.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß eine solche Uhr nach 25 Jahren nicht mehr ablesbar ist. Das hängt auch von der ursprünglichen Helligkeit, den verwendeten Farben, dem Kontrast und dem Sehvermögen des Trägers ab. Es bedeutet allerdings, daß „konstante Ablesbarkeit“ nicht mit konstanter Leuchtleistung verwechselt werden darf.
Die Alterung ist weder überraschend noch eine Besonderheit von Luminox. Sie gehört zum physikalischen Funktionsprinzip sämtlicher Tritiumgaslichtquellen. Langjährige Erfahrungen mit dieser Technik liegen vor; einen dokumentierten 25jähriger Ablesbarkeitstest gerade der neuen XS.3881 kann es naturgemäß noch nicht geben.
Warum keine neue Lichtreserve?
Interessanter als die bekannte Halbwertszeit ist deshalb eine andere Frage: Warum wird der planmäßige Austausch der Gaslichtquellen nicht längst als reguläre Wartungsoption angeboten?
Technisch ist ein Austausch grundsätzlich möglich. Je nach Konstruktion können einzelne Röhrchen oder komplette Zeiger- und Zifferblattbaugruppen ersetzt werden. BALL Watch bietet seit 2022 sogar den gezielten Austausch einzelner Gaslichtquellen an, NITE Watches nennt für einen entsprechenden Service einschließlich Dichtigkeitsprüfung einen Einstiegspreis von 150 britischen Pfund.
Die technische Machbarkeit steht damit außer Frage. Um so bemerkenswerter ist, daß der planmäßige Austausch nach etwa zehn bis zwölf Jahren nicht längst zum allgemeinen Wartungsstandard geworden ist. Bei mechanischen Uhren gelten Revision, Ersatzteile und die Wiederherstellung ihrer Funktionsfähigkeit schließlich als selbstverständliche Bestandteile langfristiger Nutzbarkeit.
Statt dessen wird die Lebensdauer der Beleuchtung gern als Verkaufsargument behandelt, während die Frage ihrer Erneuerung im Hintergrund bleibt. Dabei wäre ein dokumentiertes Austauschverfahren mit verbindlichen Preisen und gesicherter Ersatzteilversorgung für den professionellen Nutzer womöglich interessanter als die Aussicht, daß seine Uhr auch im Jahre 2051 noch irgendwie leuchtet.
Einordnung
Luminox ist mit dieser Praxis keineswegs allein. Die XS.3881 liefert lediglich einen aktuellen und mit 2.745 Euro bepreisten Anlaß, eine grundsätzliche Schwäche des Produktkonzepts zu betrachten: Eine zwangsläufig alternde Funktionskomponente wird mit jahrzehntelanger Nutzbarkeit beworben, ohne daß ihre planmäßige Erneuerung gleichermaßen im Mittelpunkt steht.
Dabei wäre gerade die Austauschbarkeit ein überzeugendes Merkmal einer konsequent auf nachhaltige Nutzung ausgelegten Werkzeuguhr. Nicht die möglichst eindrucksvolle Zahl von Jahren entscheidet über ihre praktische Lebensdauer, sondern die Möglichkeit, verschlissene oder gealterte Komponenten wieder in einen definierten Funktionszustand zu versetzen.
Die Gangreserve eines mechanischen Uhrwerks läßt sich jederzeit erneuern. Die Lichtreserve der Tritiumröhrchen dagegen läuft unaufhaltsam ab. Und die Lebenszeit ihres Besitzers leider auch.
Ob die Uhr nach 25 Jahren noch hinreichend hell leuchtet, ist deshalb eine durchaus berechtigte Frage. Ob ihr Käufer dann noch Gelegenheit hat, das zu überprüfen, eine andere.