Beiträge von Watch the watchmen

    Ein guter Einwurf, Axel!

    Zwischen persönlicher Adressierung und Leserorientierung würde ich allerdings immer noch unterscheiden: Eine Antwort kann sich ganz konkret an einen einzelnen Fragesteller richten und trotzdem so formuliert sein, daß ein unbeteiligter Dritter ihr problemlos folgen und vielleicht sogar etwas daraus mitnehmen kann.

    Und ja, den Wink mit den „sehr pointiert formulierten Aussagen“ habe ich verstanden …

    Hörbücher, Podcasts und Videos meide ich, weil ich Stimmen nicht unbeaufsichtigt in mein Gehirn lasse — also ist die wahrscheinlich wichtigste Information: ich habe durch das Nichtansehen keinen geheimen Uhrenskandal verpaßt.
    Der Link führt dem Titel nach in eine politische und gesellschaftliche Debatte, die mit Uhren praktisch nichts zu tun hat.

    Die heftigen Kommentare sind mir vor diesem Hintergrund immer noch nicht verständlich:

    • Der erste Beitrag: „wirklich übler Typ“ — für mich weitgehend unbeachtlich — wer ein derart starkes Urteil über eine Person fällt, sollte wenigstens sagen, worauf er es stützt.
    • Der zweite Beitrag vermischt einen bedenkenswerten Kern — was möchte man im Uhren-Videos-Faden sehen — zunächst mit einer falschen Gleichsetzung.

    Auch wenn der konkrete Anlaß hinfällig ist:
    ich glaube, hier liegen zwei Ebenen etwas quer zueinander.

    Mir geht es ausdrücklich nicht um „Korrektur“ oder darum, jeden Tippfehler, Dialekt oder unvollständigen Satz zu „richten“ ‒ dazu reicht meine weltliche und geistliche Macht nicht aus.
    Genau das hatte ich ja geschrieben.

    Mein Punkt ist die Leserorientierung: Wenn ein Beitrag so unmittelbar abgeschickt wird, daß der Leser Zusammenhang, Satzbau oder gemeinte Aussage erst selbst rekonstruieren muß, wird ein Teil der Arbeit vom Schreiber auf den Leser verlagert.
    Das ist etwas anderes als Sprachpolizei.

    Und beim „Willkommen“ reden wir schlicht über zwei verschiedene Dinge:

    • Du betonst die soziale Funktion der Formel.
    • Ich betone den Wortlaut und seinen semantischen Gehalt.

    4. ETA/Valjoux 7750 und alternative Chronographenwerke

    Das ETA 7750 ist ein automatisches Chronographenwerk mit Nockensteuerung. ETA nennt 30,00 mm Durchmesser, 7,90 mm Höhe, 4 Hz, 25 Steine, einseitigen automatischen Aufzug und aktuell eine typische Gangreserve von 54 Stunden.
    Quelle: ETA – 7750

    Die früher häufig genannte Größenordnung von ungefähr 48 Stunden entspricht damit nicht der derzeitigen ETA-Produktangabe.

    Sellita SW500

    Das Sellita SW500 ist das naheliegende industrielle Gegenstück zum ETA 7750.

    Sellita nennt für die aktuelle SW500-Familie:

    – 30,00 mm Durchmesser
    – 7,90 mm Höhe
    – Nockensteuerung
    – 4 Hz
    – 25 Steine
    – typische Gangreserve 62 Stunden
    Quelle: Sellita – Katalog 2024/2025

    Auch die WEKO führt das SW500 in ihrer Zuordnung als Substitut zum ETA 7750.
    Quelle: WEKO – Verfügung vom 13. Juli 2020, Rz. 89

    Damit läßt sich sachlich feststellen, daß das aktuelle SW500 bei gleicher Grundgröße und Frequenz eine längere angegebene Gangreserve besitzt als das gegenwärtig dokumentierte ETA 7750.

    Ob daraus eine allgemein höhere „Qualität“ folgt, ist eine andere Frage und durch diese Daten nicht beantwortet.

    Sellita SW510

    Die SW510-Familie erweitert die Sellita-Chronographenplattform um verschiedene Anzeige- und Ausführungsvarianten.

    Da einzelne SW510-Versionen unterschiedliche technische Spezifikationen besitzen, sollte jeweils die konkrete Referenz genannt werden. Eine pauschale Zusammenfassung sämtlicher SW500- und SW510-Ausführungen unter einem einzigen technischen Datensatz ist daher nur eingeschränkt sinnvoll.

    La Joux-Perret L100

    La Joux-Perret gibt für das L100 30,00 mm Durchmesser, 7,90 mm Höhe, 4 Hz, 60 Stunden Gangreserve und einseitigen automatischen Aufzug an. Der Hersteller bezeichnet es ausdrücklich als dimensionskompatibel mit ETA 7750 und Sellita SW500A.
    Quelle: La Joux-Perret – L100

    Die Formulierung, es handele sich lediglich um ein „massiv aufgewertetes 7750“, geht über diese Herstellerangaben hinaus und vermischt konstruktive Verwandtschaft beziehungsweise Kompatibilität mit einem Qualitätsurteil.

    Für das aktuelle L100 nennt die öffentlich zugängliche Produktseite keine Schaltradsteuerung. Eine solche Eigenschaft sollte daher nicht ohne eine konkrete technische Quelle als allgemeines Merkmal des aktuellen L100 behauptet werden.

    Ebenso läßt sich aus dem Begriff „Schaltrad“ – wo er bei einem konkreten Kaliber tatsächlich zutrifft – nicht automatisch eine allgemein höhere Qualität oder ein zwingend „weicheres“ Drückergefühl ableiten. Dazu müßte die konkrete Konstruktion untersucht beziehungsweise die Betätigungskraft verglichen werden.

    Concepto

    Concepto Watch Factory entwickelt und produziert industrielle Kaliber, Zusatzmodule und komplizierte Werke für andere Marken. Das Unternehmen beschreibt sein Tätigkeitsfeld selbst entsprechend breit.
    Quelle: Concepto Watch Factory

    Die pauschale Einordnung von Concepto als Hersteller „hochwertiger 7750-Klone“ greift deshalb zu kurz.

    Für Bezeichnungen wie „Serie 2000/2250“ sollte nur dann ein technischer Direktvergleich mit ETA 7750, SW500 oder LJP L100 vorgenommen werden, wenn ein Datenblatt der konkreten Concepto-Ausführung vorliegt.

    Ohne eine solche Quelle lassen sich Aussagen über Bauhöhe, Chronographensteuerung, Gangreserve, Austauschbarkeit oder Chronometerleistung nicht verläßlich auf eine ganze Werkfamilie übertragen.

    Technische Eckdaten der hinreichend dokumentierten 7750-Klasse

    ETA 7750: 30,00 mm; 7,90 mm Höhe; 4 Hz; 54 h; einseitiger Aufzug; Nockensteuerung.

    Sellita SW500: 30,00 mm; 7,90 mm Höhe; 4 Hz; 62 h; Nockensteuerung; industrielles 7750-Substitut.

    LJP L100: 30,00 mm; 7,90 mm Höhe; 4 Hz; 60 h; einseitiger Aufzug; laut LJP dimensionskompatibel zu ETA 7750/SW500A.

    Concepto wird hier nicht mit einem pauschalen Datensatz aufgenommen, weil die öffentlich zugänglichen Herstellerinformationen ohne konkrete Kaliberreferenz keinen entsprechenden 1:1-Vergleich tragen.

    5. Was sich aus diesen Daten sagen läßt – und was nicht

    Aus den Herstellerdaten lassen sich vergleichsweise sicher Aussagen treffen über:

    – Abmessungen
    – Frequenz
    – Gangreserve
    – Aufzugsrichtung
    – Anzahl der Steine
    – bestimmte Materialien
    – Zertifizierungen
    – vom Hersteller ausdrücklich genannte Dimensionskompatibilität

    Nur eingeschränkt oder überhaupt nicht lassen sich daraus ohne weitere Quellen Aussagen ableiten wie:

    – „ein bis zwei Klassen besser“
    – „technologisch überlegen“
    – „qualitativ makellos“
    – „Speerspitze“
    – „Benchmark“
    – „extrem solide“
    – „wesentlich revisionsfreundlicher“
    – „lauter“
    – „mit luxuriöserem Drückergefühl“

    Solche Aussagen können im Einzelfall begründet sein, sind dann aber Schlußfolgerungen oder Erfahrungsurteile, keine unmittelbaren technischen Daten.

    Auch eine längere Gangreserve ist nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit einem insgesamt besseren Werk. Sie kann durch unterschiedliche Federhäuser, Übersetzungen, Frequenzen, Hemmungen oder andere konstruktive Maßnahmen erreicht werden und muß im Zusammenhang mit Amplitude, Drehmomentverlauf und übriger Auslegung betrachtet werden.

    Dasselbe gilt für Siliziumkomponenten, Unruhbrücken oder Chronographensteuerungen: Es handelt sich um konkrete technische Lösungen mit bestimmten Eigenschaften, nicht um eine allgemeine Güteskala.

    Zusammenfassung

    Für einen systematischen Vergleich lassen sich drei Gruppen sinnvoll voneinander trennen:

    2824-Klasse:
    ETA 2824-2, Sellita SW200, LJP G100, Soprod P024 und – mit Blick auf die abweichende Bauhöhe – Ronda R150.

    2892-Klasse:
    ETA 2892A2, Sellita SW300-1 und Soprod A10/M100.

    7750-Klasse:
    ETA 7750, Sellita SW500 und – aufgrund der von La Joux-Perret ausdrücklich genannten Dimensionskompatibilität – LJP L100.

    Kenissi- und Horage-Kaliber sind eigenständige Konstruktionen. Sie können nach technischen Merkmalen mit den genannten Werken verglichen werden, sollten aber nicht als Bestandteile einer „2824-“ oder „2892-Plattform“ behandelt werden.

    Bei Concepto ist für einen technischen Direktvergleich jeweils das konkrete Kaliber und dessen Datenblatt erforderlich.

    Damit ergibt sich keine allgemeine Rangfolge von „schlecht“ bis „Premium“. Es ergibt sich vielmehr eine Einordnung nach Konstruktion, Abmessungen, Leistungsdaten und dokumentierter Kompatibilität.

    Wo diese Daten vorliegen, kann man vergleichen.
    Wo sie keine Aussage tragen, sollte man auch keine daraus machen.

    2. Eigenständige Dreizeigerkaliber: Kenissi und Horage

    Kenissi- und Horage-Kaliber können hinsichtlich Gangreserve, Regulierorgan, Materialien oder Zertifizierung mit ETA-, Sellita- oder LJP-Werken verglichen werden. Sie gehören jedoch nicht zur „2824-Plattform“ und sollten deshalb nicht mit unmittelbaren 2824-Ersatzwerken in eine gemeinsame Plattformkategorie gestellt werden.

    Kenissi / Tudor

    Kenissi beschreibt seine eigene Entstehung so: Tudor begann 2010 mit dem Aufbau eigener industrieller Fähigkeiten zur Werkeproduktion und schuf 2016 die Gesellschaft Kenissi zur Entwicklung und Herstellung dieser Werke sowie zur Belieferung weiterer Marken. Nach einer ersten industriellen Zusammenarbeit mit Breitling folgte laut Kenissi 2018 eine industrielle Allianz mit Chanel.
    Quelle: Kenissi – History

    Chanel selbst dokumentiert, daß das Unternehmen später Anteilseigner von Kenissi wurde.
    Quelle: Chanel – Beteiligung an Kenissi

    Eine pauschale Darstellung wie „Kenissi gehört zu Tudor/Rolex/Chanel“ bildet diese Zusammenhänge daher nicht hinreichend präzise ab. Insbesondere folgt aus der Verbindung zwischen Tudor und Rolex nicht ohne weiteres, daß Rolex damit als Anteilseigner von Kenissi bezeichnet werden kann.

    Das Tudor MT5402 hat einen Durchmesser von 26 mm und eine Höhe von 4,99 mm. Tudor nennt eine Siliziumspirale, eine Unruh mit variabler Trägheit, eine beidseitig abgestützte Unruhbrücke, COSC-Zertifizierung und ungefähr 70 Stunden Gangreserve.
    Quelle: Tudor – MT5402

    Diese Merkmale unterscheiden das Werk konstruktiv von einem ETA 2824-2. Daraus folgt aber nicht automatisch eine allgemeine Aussage wie „ein bis zwei Klassen besser“. Eine solche Einordnung wäre nur möglich, wenn vorher festgelegt würde, was unter einer „Klasse“ verstanden und nach. welchen Kriterien sie bestimmt werden soll.

    COSC und METAS

    COSC und METAS müssen voneinander unterschieden werden.

    Das normale MT5402 ist ein COSC-zertifiziertes Uhrwerk. Bei den entsprechenden Master-Chronometer-Modellen kommt eine METAS-Zertifizierung der kompletten Uhr hinzu.

    Tudor beschreibt ausdrücklich, daß für die METAS-Zertifizierung das in der Uhr verwendete Werk zuvor durch COSC als Chronometer zertifiziert sein muß
    Quelle: Tudor – METAS-Zertifizierung

    Bei entsprechend gekennzeichneten Kalibern – beispielsweise MT5602-U beziehungsweise MT5602-1U – handelt es sich um Ausführungen für solche Master-Chronometer-Modelle.

    COSC und METAS sind damit weder Synonyme noch Zertifizierungen desselben Prüfgegenstandes. Die COSC-Prüfung betrifft zunächst das Uhrwerk; die METAS-Master-Chronometer-Zertifizierung bezieht weitere Eigenschaften der vollständigen Uhr ein.

    Horage K3

    Das Horage K3 ist ebenfalls ein eigenständiges Werk und kein 2824-Drop-in. Horage nennt 30 mm Durchmesser, 4,2 mm Höhe, 3,5 Hz sowie Siliziumkomponenten in Hemmung und Schwingsystem.
    Quelle: Horage – K3

    Bei der Gangreserve ist die öffentliche Herstellerdokumentation nicht in jeder Darstellung identisch. Die allgemeine K3-Dokumentation und einzelne konkrete Produktausführungen müssen deshalb voneinander unterschieden werden.

    Statt einen einzigen Wert pauschal auf jede K3-Ausführung zu übertragen, sollte bei einer technischen Angabe die jeweils betrachtete Werk- oder Uhrenversion genannt werden.

    Die Verwendung von Silizium oder eine lange Gangreserve sind technische Merkmale. Eine Formulierung wie „technologisch weit überlegen“ geht darüber hinaus und setzt Kriterien voraus, die aus diesen Angaben allein nicht folgen.

    3. ETA 2892A2 und seine tatsächlichen Alternativen

    Das ETA 2892A2 gehört nicht in dieselbe Bauhöhenklasse wie das ETA 2824-2.

    ETA gibt für das 2892A2 25,60 mm Durchmesser, 3,60 mm Höhe, 4 Hz, 21 Steine, beidseitigen automatischen Aufzug und eine typische Gangreserve von 50 Stunden an.
    Quelle: ETA – 2892A2

    Gerade die geringe Bauhöhe ist für die Einordnung des Werkes wesentlich.

    Das ursprüngliche Vergleichskapitel war an dieser Stelle systematisch fehlerhaft, weil nach der Einleitung zum ETA 2892A2 erneut überwiegend Werke der 2824-Klasse behandelt wurden.

    Sellita SW300-1

    Das naheliegende Sellita-Pendant ist das SW300-1.

    Sellita nennt für die SW300-Familie unter anderem:

    – 25,60 mm Durchmesser
    – 3,60 mm Höhe
    – 4 Hz
    – 25 Steine
    – typische Gangreserve 56 Stunden
    Quelle: Sellita – Katalog 2024/2025

    Auch die Schweizer Wettbewerbskommission ordnet das SW300 dem ETA 2892-A2 ausdrücklich als Substitut zu. In ihrer Verfügung vom 13. Juli 2020 nennt sie bei der Zuordnung der entsprechenden Sellita-Werke ausdrücklich „SW300 für 2892-A2“ (Rz. 89).
    Quelle: WEKO – Verfügung vom 13. Juli 2020 „Swatch Group Lieferstopp / Ablauf Lieferverpflichtung“, Rz. 89

    Damit gehört das SW300-1 in einen 2892-Vergleich; das SW200-1 beziehungsweise SW200-2 gehört dagegen in die 2824-Klasse.

    Soprod A10 / M100

    Auch das Soprod A10 beziehungsweise die daraus hervorgegangene M100-Familie gehört in diesen Zusammenhang.

    Für das M100 werden 25,60 mm Durchmesser, 3,60 mm Höhe, 4 Hz, 25 Steine, ungefähr 42 Stunden Gangreserve und beidseitiger automatischer Aufzug angegeben.

    Technische Datenquelle: Soprod M100 – Kaliberdatenblatt
    https://www.cousinsuk.com/pdf/products/10044_m100.pdf

    Für die funktionale Einordnung ist die Quellenlage ungewöhnlich eindeutig: Die Schweizer Wettbewerbskommission bezeichnet das A10 ausdrücklich als „technisch gutes Substitut“ für das ETA 2892-A2 beziehungsweise Sellita SW300 (Rz. 90).

    In derselben Verfügung wird später auch das „M100 (früher A10)“ ausdrücklich als Substitut für das ETA 2892-A2 bezeichnet (Rz. 188).
    Quelle: WEKO – Verfügung vom 13. Juli 2020 „Swatch Group Lieferstopp / Ablauf Lieferverpflichtung“, Rz. 90 und 188

    Technische Eckdaten der 2892-Klasse

    ETA 2892A2: 25,60 mm; 3,60 mm Höhe; 4 Hz; 50 h; beidseitiger Aufzug.

    Sellita SW300-1: 25,60 mm; 3,60 mm Höhe; 4 Hz; 56 h; unmittelbares industrielles Substitut.

    Soprod A10/M100: 25,60 mm; 3,60 mm Höhe; 4 Hz; etwa 42 h; technisches Substitut.

    LJP G100, Soprod P024 und Ronda R150 gehören aufgrund ihrer Bauhöhe und konstruktiven Einordnung dagegen nicht in diese Gruppe.

    Kenissi- und Horage-Werke können funktionale Konkurrenzprodukte sein, sind aber keine unmittelbaren 2892-Ersatzwerke.

    In Abstimmung mit Torsten hier eine überarbeitete Fassung seines Ansatzes:

    Schweizer Uhrwerke – Vergleich der üblichen Verdächtigen

    Stand: September 2026

    Vorbemerkung zur Vergleichsmethode

    Bei Uhrwerken muß zwischen verschiedenen Arten von „Alternative“ unterschieden werden:

    maßlich bzw. konstruktiv verwandte Ersatzwerke, bei denen ein Einbau in dieselbe Gehäusekonstruktion grundsätzlich vorgesehen oder vom Hersteller ausdrücklich als dimensionskompatibel bezeichnet wird;

    funktionale Alternativen, die dieselben Grundfunktionen erfüllen und für denselben Einsatzzweck gedacht sind, aber nicht ohne weiteres austauschbar sind;

    eigenständige Manufaktur- oder Zulieferkaliber, die sich technisch vergleichen lassen, aber keiner ETA-Plattform unmittelbar zugeordnet werden können.

    Aus einzelnen technischen Merkmalen wie Gangreserve, Siliziumspirale, Unruhbrücke oder Schaltrad läßt sich keine allgemeine Rangfolge der „Qualität“ ableiten. Dazu müßten zunächst Kriterien wie Gangstabilität, Robustheit, Wirkungsgrad, Magnetfeldresistenz, Wartbarkeit, Ersatzteilversorgung, Bauhöhe, Fertigungsqualität und Finissierung definiert und gewichtet werden.

    Die folgenden Angaben beschränken sich deshalb soweit wie möglich auf Herstellerdaten und nachvollziehbare konstruktive Einordnungen. Wo die öffentliche Quellenlage keine sichere Aussage erlaubt, wird darauf verzichtet.

    1. ETA 2824-2 und Werke derselben Größen- bzw. Einsatzklasse

    Das ETA 2824-2 ist ein automatisches Dreizeigerwerk mit Datum. ETA gibt einen Durchmesser von 25,60 mm, eine Höhe von 4,60 mm, 4 Hz, 25 Steine, eine typische Gangreserve von 42 Stunden und einen beidseitig aufziehenden Automatikmechanismus an.
    Quelle: ETA – 2824-2

    Es dient hier als Referenz, weil mehrere industriell gefertigte Werke ausdrücklich oder faktisch in derselben Größenklasse angesiedelt sind.

    Sellita SW200-1 / SW200-2

    Das SW200-1 gehört konstruktiv und maßlich in die unmittelbare 2824-Klasse. Sellita gibt für die SW200-Familie 25,60 mm Durchmesser, 4,60 mm Höhe und 4 Hz an; das SW200-1 besitzt 26 Steine.
    Quelle: Sellita – Katalog 2024/2025

    Beim SW200-2 handelt es sich um eine umfangreiche Weiterentwicklung des SW200-1. Sellita nennt 65 Stunden Gangreserve und beschreibt Änderungen unter anderem an Räderwerk, Federhaus, Regulierorgan, Platine und automatischem Aufzug.

    Die technische Änderungsinformation „Entwicklung SW200-1 → SW200-2“ trägt das Datum 04.06.2025. Eine Bezeichnung des SW200-2 als „neueste Generation (2026)“ ist daher nur dann unproblematisch, wenn „2026“ lediglich den Stand der Betrachtung meint. Als Einführungsjahr wäre die Angabe nicht haltbar.
    Quelle: Sellita – Entwicklung SW200-1 → SW200-2

    Sellita nennt bei der Unruh ausdrücklich eine „Anpassung der Trägheit und kleinerer Durchmesser“. Die Formulierung „geringere Trägheit der Hemmung“ bezeichnet technisch nicht dasselbe. Das Hemmungsrad wird in derselben Änderungsdokumentation separat behandelt.

    Aus der längeren Gangreserve oder den konstruktiven Änderungen folgt für sich allein keine Aussage, das SW200-2 sei dem ETA 2824-2 insgesamt „qualitativ überlegen“. Feststellbar ist zunächst nur, daß Sellita die SW200-Plattform erheblich weiterentwickelt hat und die aktuelle Version eine deutlich längere Gangreserve bietet.

    La Joux-Perret G100

    La Joux-Perret gibt für das G100 25,60 mm Durchmesser, 4,45 mm Höhe, 4 Hz, 24 Steine und 68 Stunden Gangreserve an. Der automatische Aufzug arbeitet einseitig. Der Hersteller bezeichnet das Werk ausdrücklich als dimensionskompatibel zu ETA 2824 und Sellita SW200.
    Quelle: La Joux-Perret – G100

    Damit ist die im ursprünglichen Vergleich vorgenommene Zuordnung der Aufzugsrichtungen zu korrigieren:

    ETA 2824-2: beidseitiger Aufzug
    LJP G100: einseitiger Aufzug

    „Dimensionskompatibel“ sollte nicht ohne weiteres mit „unter allen Umständen 1:1 austauschbar“ gleichgesetzt werden. Zeigerwerkhöhen, Zifferblatt, Datumslage, Werkhalter und konkrete Gehäusekonstruktion müssen bei einem tatsächlichen Werktausch zusätzlich berücksichtigt werden.

    Über die Lautstärke des Rotors oder eine allgemein „höhere Qualität“ läßt sich aus der Aufzugsrichtung allein keine belastbare Aussage ableiten.

    Soprod P024

    Das Soprod P024 gehört ebenfalls in diese Größenklasse. Für das Werk werden 25,60 mm Gehäusepassungsdurchmesser, 4,60 mm Höhe, 4 Hz, 25 Steine, mindestens 38 Stunden Gangreserve und beidseitiger automatischer Aufzug angegeben.
    Quelle: Festina/Soprod – Kaliberübersicht

    Damit ist es für einen Vergleich mit ETA 2824-2 und Sellita SW200 sachlich naheliegend.

    Nicht aus diesen technischen Daten ableitbar sind dagegen allgemeine Aussagen wie „präziser“, „solider“ oder „leichter zu warten“. Dafür wären definierte Vergleichskriterien beziehungsweise belastbare Langzeit- oder Servicedaten erforderlich.

    Ronda R150

    Ronda entwickelte das R150 als eigene mechanische Konstruktion. Der Hersteller nennt 4,40 mm Werkhöhe und 40 Stunden Gangreserve.
    Quelle: Ronda – Vorstellung des R150

    Das R150 liegt damit in derselben allgemeinen Größenklasse wie das ETA 2824-2, besitzt aber nicht dieselbe Bauhöhe: 4,40 mm beim R150 stehen 4,60 mm beim ETA 2824-2 gegenüber.

    Die Aussage „identische Einbaumaße“ ist daher zumindest hinsichtlich der Bauhöhe nicht zutreffend.

    Die technischen Unterlagen des R150 werden von Ronda inzwischen unter den nicht mehr produzierten Kalibern geführt.
    Quelle: Ronda – technische Unterlagen außer Produktion

    Eine pauschale Aussage, das R150 sei „lauter“, „weniger revisionsfreundlich“ oder lediglich ein „Budget-Ersatz“, ist aus den öffentlich zugänglichen Herstellerdaten nicht ableitbar.

    Technische Eckdaten der unmittelbar 2824-nahen Werke

    ETA 2824-2: 25,60 mm; 4,60 mm Höhe; 4 Hz; 42 h; beidseitiger Aufzug.

    Sellita SW200-1: 25,60 mm; 4,60 mm Höhe; 4 Hz; unmittelbare 2824-Klasse.

    Sellita SW200-2: SW200-/2824-Klasse; 4 Hz; 65 h; weiterentwickelte SW200-Plattform.

    LJP G100: 25,60 mm; 4,45 mm Höhe; 4 Hz; 68 h; einseitiger Aufzug; laut Hersteller dimensionskompatibel zu ETA 2824/SW200.

    Soprod P024: 25,60 mm; 4,60 mm Höhe; 4 Hz; mindestens 38 h; beidseitiger Aufzug.

    Ronda R150: 4,40 mm Höhe; 4 Hz; 40 h; inzwischen außer Produktion.

    Diese Aufstellung beschreibt Abmessungen und technische Grunddaten, nicht eine Qualitätsrangfolge.

    Weil's (mir) im Kontext 903/EZM 19 wieder hochkam:

    Kann man die „hybrid-keramischen Leuchtelemente“ nicht in wertigerer Anmutung ausführen?

    … Eine feine umlaufende Fase, ein zurückgesetzter Sockel oder eine schmale Schattenfuge dürften bereits genügen, um den Eindruck eines präzise gestalteten Bauteils zu erzeugen …

    … die Tritium Röhrchen als feste Klötze. Geht aber wegen des Gaszustands nicht. …

    Aber hat schon mal jemand daran gedacht in die Leuchtelemente eine Tritium-Glaskapillare beim Guß einzufügen?

    wobei eine 'offene' Variante sogar einen Austausch der Röhrchen nach 20 Jahren ermöglichen würde:

    Sinn:
    „Wir verwenden ein hochkonzentriertes, gegossenes hybridkeramisches Leuchtelement.“

    Straum:
    „Wir verwenden einen gegossenen Leuchtindex; das darin verwendete Material ist BGW9 Super-LumiNova Grade A.“

    Technisch zweifellos interessant. Mein Problem mit diesen „hybrid-keramischen Leuchtelementen“ bzw. gegossenen BGW9-Indizes ist allerdings gar nicht die Leuchtkraft – die ist mir ziemlich gleichgültig. Mich stört vielmehr die Wertanmutung: Aus der Nähe wirken diese Klötzchen auf mich regelmäßig, wie aus dem Kaugummiautomaten.

    Dabei scheint diese Optik keineswegs technisch unvermeidlich zu sein. Solche Leuchtkörper lassen sich durchaus mit definierten Kanten, Fasen, Stufen oder Schattenfugen ausführen; RC Tritec nennt entsprechende Geometrien ausdrücklich als machbar.

    Die wenig veredelte Anmutung wäre demnach nicht dem Material geschuldet, sondern schlicht der gewählten Gestaltung.

    Eine feine umlaufende Fase, ein zurückgesetzter Sockel oder eine schmale Schattenfuge dürften bereits genügen, um den Eindruck eines präzise gestalteten Bauteils zu erzeugen – statt den eines Formteils, bei dem man offenbar schon froh war, daß es nach dem Entformen heil auf dem Zifferblatt angekommen ist.

    Eine kleine Bitte von einem „alten weißen Mann“: Einige Deiner Beiträge machen den Eindruck, daß sie sehr unmittelbar so abgeschickt werden, wie sie gerade beim Tippen entstehen. Umgangssprache oder Dialekt meine ich damit ausdrücklich nicht – aber Groß-/Kleinschreibung, Satzbau, Nachträge und Verkürzungen machen es stellenweise unnötig schwer, dem Geschriebenen zu folgen.

    Einmal kurz vor dem Absenden drüberzulesen würde schon viel helfen.

    Das trifft übrigens ziemlich genau einen Punkt, über den ich gerade im Faden „Hat sich im Forum der Kommunikationsfluß verändert?“ nachdenke: den „redaktionellen Abstand“ zwischen Gedanke und veröffentlichtem Beitrag.


    P.S.: Da hier schon mehrfach „Willkommen“ gesagt wurde: Ich selbst mache das bei Neuvorstellungen grundsätzlich nicht. „Willkommen“ bedeutet für mich noch immer „als Gast erwünscht, gewollt“ — und ob das auf jemanden zutrifft, kann ich nach einer Vorstellung schlicht noch nicht wissen.

    Vielleicht habe ich meinen eigenen Punkt mit dem „Kommunikationsfluß“ bisher etwas zu eng gefaßt.

    Was möglicherweise stärker stört, ist eine abnehmende Leserorientierung.

    Damit meine ich ausdrücklich nicht, daß jeder Beitrag druckreif formuliert sein müßte. Umgangssprache, Dialekt, ein Tippfehler oder ein kurzer Scherz gehören selbstverständlich zu einem Forum.

    Aber bei manchen Beiträgen habe ich zunehmend den Eindruck, daß praktisch nur noch der unmittelbar angesprochene Gesprächspartner mitgedacht wird. Ein kurzer Zuruf ergibt aus dem gerade laufenden Dialog heraus Sinn, trägt für sich genommen aber kaum etwas zum Faden bei. Bei sehr spontan geschriebenen Beiträgen kommt hinzu, daß Satzbau, Nachträge und Korrekturen teilweise so stehenbleiben, wie sie beim Tippen entstanden sind.

    Dann verlagert sich ein Teil der Arbeit vom Schreiber auf den Leser: Der muß Zusammenhang, Aussage oder gelegentlich sogar den Satz erst selbst rekonstruieren.

    Vielleicht ist das der entscheidendere Unterschied zu früher: weniger die Frage, wie viel miteinander gesprochen wird, sondern wie sehr beim Schreiben noch derjenige mitgedacht wird, der nicht gerade Teil dieses kleinen Gesprächs ist, sondern dem Faden einfach nur folgen möchte.

    Behörden-Einsatzzyklus: 35 Minuten Einsatz, anschließend vier Stunden Dokumentation. Das Verhältnis wirkt durchaus plausibel. — SCNR

    Aber im Ernst: ein EZM mit der Krone rechts, das kann nur einem Staber eingefallen sein (daß Tomas sie im Entwurf gleich ganz unterschlägt, ist insofern konsequenter als die Serienlösung).

    Da hat mein Sparschwein mal wieder Glück gehabt, das Zeigerspiel und die schwarze Lünette: absolutes SMOC Potential …

    Danke für den Bericht vom Independent Watch Day. Die geschilderten Gespräche und Einblicke hinter die Kulissen – gerade zu Formex/Dexel, Horage und den handelnden Personen — durchaus interessant.

    Daß Dir anschließend ausgerechnet auf dem Weg nach Schwetzingen die Technik einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, ist natürlich ausgesprochen ärgerlich. Besonders, wenn's hinterher 'nur' ein vergleichsweise banaler Wackler war.

    Bei dem aus dem Gespräch entstandenen KI-Dokument bin ich allerdings an einigen Stellen hängengeblieben. Damit das hier nur eine Randnotiz bleibt, habe ich die technische Diskussion in die Schrauberecke ausgelagert …

    Nennt mich kleinkariert, aber zu diesem Dokument Schweizer Uhrwerke - Vergleich der üblichen Verdächtigen_via MS CoPilot_Satnd 2026-08-31_v1.1.pdf möchte ich doch meine sprichwörtlichen 10 ct einwerfen:

    1. Die Aufzugsrichtungen beim ETA 2824-2 und beim LJP G100 sind vertauscht.
      ETA 2824-2 = beidseitiger Aufzug, LJP G100 = einseitiger Aufzug. Das ist schlicht falsch dargestellt.
    2. Das Kapitel zum ETA 2892-A2 ist weitgehend falsch zugeordnet.
      Nach der Einleitung zum 2892-A2 werden im wesentlichen erneut Alternativen aus der 2824-Klasse behandelt.
    3. Das eigentliche Sellita-Pendant zum ETA 2892-A2, das SW300-1, fehlt, obwohl es mit seinen 3,60 mm Bauhöhe geradezu der naheliegende Vergleich wäre.
    4. Auch das Soprod A10/M100 als weiteres echtes 2892-Substitut fehlt.
    5. Beim SW200-2 wird die Trägheit der Unruh fälschlich als „Trägheit der Hemmung“ bezeichnet. Sellita schreibt in der eigenen Änderungsdokumentation ausdrücklich: „Unruh … Anpassung der Trägheit und kleinerer Durchmesser“. Das Hemmungsrad wird im selben Dokument separat behandelt. Unruh und Hemmung sind technisch unterschiedliche Baugruppen.
    6. Die Bezeichnung des SW200-2 als „neueste Generation (2026)“ ist zumindest erklärungsbedürftig. Sellitas eigene technische Dokumentation zur „Entwicklung SW200-1 → SW200-2“ trägt bereits das Datum 04.06.2025. Sollte „2026“ als Einführungsjahr gemeint sein, wäre das nicht haltbar; sollte lediglich „Stand 2026“ gemeint sein, ist die Formulierung mißverständlich.
    7. Beim Ronda R150 werden später „identische Einbaumaße“ behauptet. Zuvor nennt der Text selbst korrekt 4,4 mm Bauhöhe gegenüber 4,6 mm beim ETA 2824-2. Ronda bestätigt 4,40 mm. Die Bauhöhe ist also gerade nicht identisch.
    8. „Kenissi gehört zu Tudor/Rolef/Chanel“ ist ebenfalls unsauber. „Rolef“ dürfte wohl Rolex heißen. Kenissi wurde 2016 von Tudor gegründet; 2018 folgte die industrielle Allianz mit Chanel, das mit 20 % an Kenissi beteiligt ist. Die Schrägstrich-Konstruktion „Tudor/Rolef/Chanel“ bildet diese Verhältnisse jedenfalls nicht vernünftig ab.
    9. COSC und METAS werden bei den Kenissi/Tudor-Kalibern zu pauschal zusammengeworfen. Das normale MT5402 ist beispielsweise als Uhrwerk COSC-zertifiziert. Bei den Master-Chronometer-Modellen mit entsprechenden -U/-1U-Kalibern kommt dagegen die METAS-Zertifizierung der fertigen Uhr hinzu. COSC und METAS sind also nicht dasselbe: Die COSC-Zertifizierung des Uhrwerks ist bei Tudor vielmehr eine Voraussetzung dafür, daß die komplette Uhr anschließend die METAS-Prüfung zum „Master Chronometer“ durchlaufen kann.
    10. Beim ETA 7750 werden etwa 48 Stunden Gangreserve genannt. ETA selbst gibt für das aktuelle 7750 inzwischen typisch 54 Stunden an.

    Dazu kommen einige grundsätzliche methodische Probleme:

    Unter der Überschrift „2824-Plattform“ werden Werke zusammengefaßt, die überhaupt keine 2824-Drop-ins sind. Ausstattungsmerkmale einzelner Varianten werden teilweise auf ganze Werkfamilien übertragen. Und aus technischen Einzelmerkmalen werden ohne erkennbare Bewertungsmethode Wertungen wie

    „ein bis zwei Klassen besser“,
    „Speerspitze“,
    „Benchmark“,
    „makellos“ oder
    „technologisch weit überlegen“

    abgeleitet.

    Was dabei „besser“ oder „Qualität“ eigentlich bedeuten soll – Gangstabilität, Robustheit, Magnetfeldresistenz, Wartbarkeit, Teileversorgung, Wirkungsgrad, Bauhöhe, Finissierung oder etwas anderes –, wird nirgends definiert …

    Dialogisch verdichtete Gesprächsschleife“ ist kein etablierter Begriff der Gesprächslinguistik, sondern eine – so hoffe ich – brauchbare deskriptive Neubildung. Gemeint sind hier Passagen, in denen mehrere Teilnehmer in relativ kurzer Folge unmittelbar aufeinander reagieren, so daß die einzelnen Beiträge zunehmend aus dem laufenden Gespräch und weniger aus dem ursprünglichen Fadenthema heraus verständlich werden.

    „… Ich schweife ab…..“ ist übrigens ein recht schöner praktischer Einstieg in das, was ich mit solchen Gesprächsschleifen meine — ganz ohne Wertung.

    Apopos Wertung: „… einige beitragsstarke Teilnehmer schreiben deutlich weniger oder gar nicht mehr …“ — aus Gründen?

    Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, daß sich das Forum für mich anders „anfühlt“ als früher – ohne das zunächst bewerten zu wollen.

    Dabei habe ich inzwischen den Eindruck, daß es vielleicht gar nicht so sehr um einen grundsätzlich anderen Ton geht. Viele langjährige Mitglieder schreiben aus meiner Sicht noch ziemlich ähnlich wie früher: mal knapp, mal ausführlich, mal sachlich, mal mit Humor.

    Auch kurze Beiträge, spontane Einwürfe, schnelle Antworten oder kleine Gesprächsschleifen sind keineswegs neu. Solche Passagen lassen sich auch in deutlich älteren Fäden finden.

    Was sich möglicherweise verändert hat, ist eher deren relative Häufigkeit und Verteilung.

    In manchen eigentlich sachorientierten Fäden entstehen recht schnell kleine Mehrpersonengespräche. Dort besteht die Diskussion stärker aus kurzen, unmittelbar aufeinanderfolgenden Beiträgen, Nachträgen, Einwürfen und kontextabhängigen Antworten.

    Sprachwissenschaftlich könnte man das wohl als Verschiebung in Richtung „konzeptioneller Mündlichkeit“beschreiben: geschrieben wird, aber in einer Form, die stärker einer spontanen mündlichen Unterhaltung ähnelt.

    Das begünstigt Satzfragmente, syntaktische Brüche und unbemerkte Tippfehler. Nicht unbedingt, weil jemand „schlechter“ schreibt, sondern weil zwischen Gedanke und Absenden weniger „redaktioneller Abstand“ liegt.

    Interessant finde ich auch, daß diese Form offenbar nicht gleichmäßig über alle Teilnehmer verteilt ist. Bei einer kleinen Stichprobe über verschiedene sachorientierte Fäden hinweg waren einige Mitglieder – gemessen an ihrer gesamten Beitragszahl in denselben Fäden – deutlich häufiger an solchen Gesprächsschleifen beteiligt als andere.

    Das soll ausdrücklich keine Bewertung einzelner Mitglieder sein. Im Gegenteil: Dieselben Teilnehmer können in stärker strukturierten Fäden ausgesprochen diszipliniert und sachbezogen schreiben. Es scheint also eher ein Zusammenspiel aus Thema, Situation und Teilnehmerkonstellation zu sein.

    Auch die neue Forensoftware könnte einzelne Aspekte verstärken – etwa Vollzitate oder unmittelbare Antworten. Sie kann aber nicht die alleinige Ursache sein, denn schnelle und dialogische Folgen gab es auch schon vorher.

    Vielleicht ist deshalb die eigentliche Frage gar nicht:

    „Ist der Ton heute anders?“

    Sondern eher:

    „Nehmen dialogisch verdichtete Gesprächsschleifen heute in Fäden, die eigentlich einem Sachthema dienen, mehr Raum ein als früher?“

    Das würde zumindest erklären, warum sich das Forum stellenweise „chatartiger“ anfühlt, obwohl die einzelnen Kommunikationsformen an sich gar nicht neu sind.

    Wie nehmt Ihr das wahr?

    tl;dr: Vielleicht hat sich weniger der Ton verändert als die Form der Kommunikation: mehr kleinteilige Einwürfe, mehr zerfaserte Anschlußreaktionen und mehr chatartige Gesprächsschleifen als früher – und vielleicht prägen bestimmte Teilnehmerkonstellationen diesen Eindruck stärker als einzelne Mitglieder für sich.c