Was haben Lagersteine mit der Qualität eines Werkes zu tun?
Diese Frage stellt sich natürlich in dem Moment, wo aus dem Reich der Mitte Kaliber mit inflationärer Steinanzahl auf den Markt geworfen werden.
Viele Lagersteine = besonders gutes Werk?
Auch hier gilt: Klasse statt Masse!
Aber ich beginne mal am Anfang: ca. um 1700 erkannte man den Nutzen des von Nicolas Fatio de Duillier entwickelten Verfahrens zum Bohren von Löchern in Edelsteinen. Damals drehten sich die Zapfen der Wellen noch in Löchern des Materials der Platinen, Brücken und Kloben. Druck und Geschwindigkeit führten in diesen Bereichen zu erheblichen Abnutzungserscheinungen und Reibungsverlusten.
1704 wurde in London ein Patent auf Lager aus gelochten Rubinen erteilt.
Diese Lagersteine vermochten Reibung und Abnutzung entscheidend zu senken und verschafften den englischen Uhren einen erheblichen Vorsprung. Zu dieser Zeit war die Steinanzahl ein absolutes Qualitätsmerkmal und Verkaufsargument.
Die heutigen Lagersteine haben nichts mehr mit diesen gemeinsam. Die heutigen Steine werden nicht nur einfach mit Löchern versehen, sondern auch mit Ölsenkungen, welche die Schmierstoffe aufnehmen. Dabei spielt die Größe und das Profil der Steine eine entscheidende Rolle, da die optimale Menge an Öl aufgenommen und gehalten werden muß. Die Löcher werden bei hoher Qualität auch nicht einfach zylindrisch gebohrt, sondern oliviert. Dies bedeutet eine Bohrung, die zum Zapfen hin gewölbt ist, um den Reibungsverlust zu minimieren. Im Gegenzug erhalten die Zapfen eine Arrondierung. D.h. sie werden nicht nur auf ihren Laufflächen, sondern auch noch an ihren Stirnflächen poliert. Diese Maßnahme verringert die Reibung bei flacher Position der Uhr.
Bei sehr teuren Werken werden manche Steine nicht einfach in die Platine gepreßt, sondern chatoniert. Die Steine werden also eingefaßt und dann mit der Fassung in die Platine gesteckt und mit Schrauben gesichert. Die Qualitätsverbesserung solcher Chatons ist in der heutigen Zeit umstritten, da die Positionierung mit Hilfe von Computertechnik auf ein tausendstel Millimeter genau erfolgen kann. Der Vorteil liegt vielmehr in dem Austausch der Steine. Ein chatonierter Stein ist leichter zu tauschen.
Aber kommen wir nun zur Anzahl:
Ein normales Handaufzugswerk kommt im Prinzip mit 15 Steinen aus. Dies sind 2 Palettensteine für den Anker, 1 Hebelstein für die auf der Unruhwelle sitzende Hebelscheibe, 2 Lager- und 2 Decksteine für die Unruhwelle, 2 Lagersteine für die Ankerwelle sowie je 2 Lagersteine für die Wellen des Anker-, Sekunden- und Kleinbodenrades.
Beim 16steinigen Werk ist das Minutenrad oben (sichtbar) steingelagert.
Das 17steinige Werk besitzt auch unter dem Zifferblatt ein Steinlager fürs Minutenrad. Beim 21steinigen Werk ist noch das Ankerrad in beiden Lagern und das Ankerlager mit Decksteinen versehen. Wenn die Zapfen der Federhauswelle mit Steinen versehen werden, haben wir derer 23.
Zusatzwerke und Komplikationen verlangen konstruktionsbedingt nach weiteren Steinen.
Zusammenhang zwischen Anzahl der Steine und Qualität des Werkes:
Die Menge der Steine allein ist somit kein alleiniges Kriterium für die Qualität eines Kalibers. Allerdings sind die Kaliber eines Herstellers, der alle Komponenten unter den gleichen Qualitätsmaßstäben herstellt, schon anhand der Steinanzahl in der Wertigkeit zu vergleichen.
Hierzu ein Beispiel: Ein ETA-Werk mit 21 Steinen kann schon mit einem ETA-Werk einer Kaliberfamilie mit 25 Steinen verglichen werden, nicht aber mit einem China-Werk mit 35 Steinen (zumindest nicht aufgrund der Steinanzahl).
Den Rekord an Steinen für Handaufzugswerke ohne zusätzliche Komplikationen (außer Datum) hält meines Wissens nach z.Zt. die Lange 1 von A. Lange & Söhne mit 53 Steinen (wer Interesse an dem Lageplan hat, PN an mich mit der Email-Adresse). Bei der Verarbeitung dieser Werkteile ist schon eine Qualitätsaussage möglich.
Reduzierung der Steinanzahl:
Die Anzahl der Steine nimmt mit seit den siebziger Jahren bei vielen Kaliberfamilien seltsamerweise ab. Der Grund liegt nicht allein in der Konstruktion und der verwendeten Materialien, sondern in erster Lienie in dem fortschreitenden Übersee-Handel mit den USA. Die Steinanzahl bestimmt u.a. die Höhe des Einfuhrzolles für Uhren, Uhrwerke und Uhrwerksteile.
Resümee:
Wenn jemand in der heutigen Zeit die Aussage "viele Steine = hohe Qualität" trifft, so stimmt dies nicht mehr.