Bulova bringt mit der A-11 Jimmy eine neue mechanische Field Watch, deren Herkunft ungewöhnlich konkret ist.
Die historischen A-11 waren keine Uhren, denen nachträglich ein militärisches Image angeheftet wurde. A-11 bezeichnete eine US-amerikanische militärische Spezifikation des Zweiten Weltkriegs; Bulova gehörte neben Elgin und Waltham zu den Herstellern entsprechender Uhren.
Die neue Referenz 96A354 greift schwarzes Zifferblatt, weiße arabische Ziffern, deutlich abgesetzte Minuterie, zentrale Sekunde und gerändelte Gehäuseelemente wieder auf. Das 37-Millimeter-Edelstahlgehäuse enthält ein automatisches Miyota 9039 mit Sekundenstopp und rund 42 Stunden Gangreserve. Dazu kommen 50 Meter Wasserdichtigkeit und ein beiges Textilband. Bulova nennt die Uhr auf seiner amerikanischen Produktseite eine „perfect recreation of a timekeeping icon“.
Die militärische Geschichte stimmt. „Perfekte Reproduktion“ ist trotzdem etwas anderes.
A-11 war eine Spezifikation, nicht bloß ein Modellname
Der historische Kern läßt sich unabhängig von Bulovas heutiger Werbung belegen. Das National WWII Museum beschreibt die A-11 als eine der gebräuchlichen militärischen Armbanduhren des Zweiten Weltkriegs und weist auf den entscheidenden begrifflichen Unterschied hin: A-11 war ursprünglich die Bezeichnung einer Spezifikation, nicht der Eigenname einer einzelnen Uhr.
Erhaltene Bulova-Exemplare tragen Kennzeichnungen wie „TYPE A-11“ sowie Spezifikations-, Serien-, Teile- und Auftragsnummern. Dokumentierte Exemplare besitzen ungefähr 32 Millimeter große Gehäuse und Bulovas Handaufzugswerk 10AKCSH mit zentraler Sekunde und Sekundenstopp. Die Verbindung zwischen Bulova und militärisch beschafften A-11-Uhren ist also keine nachträglich konstruierte Heritage-Erzählung.
Interessanter ist, was davon die neue Uhr funktional übernimmt.
Der Sekundenstopp ist mehr als historische Dekoration
Die wichtigste übernommene Funktionsidee steckt im Begriff „Hack Watch“. Beim Ziehen der Krone bleibt der Sekundenzeiger stehen. Mehrere Uhren lassen sich dadurch präzise auf dieselbe Referenzzeit stellen.
Heute ist ein Sekundenstopp bei mechanischen Werken alltäglich. Bei der ursprünglichen A-11 gehörte er zur Werkzeuglogik: Eine gut ablesbare Uhr sollte sich kontrolliert mit einer gemeinsamen Zeitreferenz abgleichen lassen. Das Miyota 9039 der neuen Bulova beherrscht genau diese Funktion; hinzu kommen Automatikaufzug, Handaufzugsmöglichkeit und rund 42 Stunden Gangreserve.
Bulova reproduziert also nicht das historische Werk, wohl aber einen seiner für den damaligen Gebrauch wesentlichen Bedienvorgänge. Das ist die sinnvollere Form von Heritage: nicht dieselbe Technik um jeden Preis, sondern dieselbe Funktion dort, wo sie noch einen Zweck hat.
Die neue A-11 ist deutlich moderner, als sie aussieht
Beim Gehäuse endet die Reproduktion schnell. Historische Bulova-A-11 sind mit ungefähr 32 Millimetern dokumentiert; die neue Uhr mißt 37 Millimeter. Aus dem historischen Handaufzugskaliber wird ein modernes Automatikwerk, dazu kommen moderne Leuchtmasse und 50 Meter Wasserdichtigkeit.
Letzteres macht die Uhr alltagstauglicher als ein empfindliches Original aus den vierziger Jahren, aber nicht zu einer besonders wasserfesten modernen Werkzeuguhr. Für eine Field Watch sind 5 bar brauchbar; aus der militärischen Herkunft sollte man keine darüber hinausgehende Robustheit ableiten.
Beim Glas widerspricht Bulova sich selbst
Ausgerechnet bei einem einfachen technischen Bauteil wird die Quellenlage kompliziert. Die englischsprachige US-Produktseite der Referenz 96A354 nennt ein doppelt gewölbtes Mineralglas. Die spanischsprachige Fassung derselben offiziellen Bulova-Produktseite nennt dagegen gewölbtes Saphirglas mit Antireflexbeschichtung. Auch aktuelle Fachberichte beschreiben die Uhr mit Saphirglas.
Welche Angabe stimmt, läßt sich aus den öffentlich zugänglichen Herstellerseiten derzeit nicht zweifelsfrei bestimmen. Das ist praktisch nicht belanglos, weil Saphir- und Mineralglas sich insbesondere bei Kratzfestigkeit und Bruchverhalten unterscheiden. Vor allem zeigt es, daß selbst eine einfache technische Herstellerangabe überprüft werden sollte, wenn die Primärquelle sich selbst widerspricht..
Historische Gravuren sind keine neue Beschaffung
Der Gehäuseboden übernimmt die Optik historischer militärischer Kennzeichnungen. Bei Originalen hatten Spezifikations-, Teile-, Serien- und Auftragsangaben einen administrativen Zweck: Sie gehörten zu tatsächlich für staatliche Stellen gefertigten Uhren. Bei der neuen A-11 Jimmy sind solche Markierungen historische Gestaltung.
Für eine aktuelle militärische Beschaffung oder Ausgabe der Referenz 96A354 werden sich dagegen wohl keine Quellen finden lassen. Bulova präsentiert sie als historisch inspirierte Field Watch für den heutigen Markt, nicht als neue Dienstuhr. Die Neuauflage wird zusätzlich mit „Jimmy“, einem Film über James Stewart, verbunden, der im Zweiten Weltkrieg als Pilot diente.
Diese Ebenen sollte man nicht vermischen. Bulova hat tatsächlich A-11-Uhren für militärische Zwecke gefertigt. James Stewarts militärische Laufbahn ist real. Beides macht die heutige 96A354 nicht zur Issue Watch.
Was von der alten Werkzeuglogik übrigbleibt
Am Handgelenk ist die interessanteste Eigenschaft der neuen A-11 nicht die Gravur auf der Rückseite, sondern die Einfachheit auf der Vorderseite. Drei Zeiger, keine Datumsanzeige, große arabische Ziffern, klar gezeichnete Minuterie und ein Sekundenzeiger, der sich zum Stellen anhalten läßt: Stunden, Minuten und Sekunden sind unmittelbar vorhanden, und die Uhr läßt sich präzise mit einer Referenzzeit abgleichen.
Dazu kommt moderne Super-LumiNova an Zeigern und Markierungen. Auch hier ist die neue Uhr funktionale Übersetzung statt exakter Kopie. Originales Werk, originales Glas und historisches Leuchtmittel wären authentischer – als täglich benutzte Werkzeuguhr aber nicht automatisch besser.
Wo die „perfekte Reproduktion“ endet
Die A-11 Jimmy besitzt gegenüber vielen Uhren mit militärischem Marketing einen Vorteil: Ihre Herkunft muß nicht aus einer Kooperation, einem Tarnfarbton oder einem Foto am Handgelenk irgendeines Soldaten konstruiert werden. Bulova war tatsächlich Hersteller militärischer A-11-Uhren.
Gerade deshalb braucht die Neuauflage keine Übertreibung. 37 statt ungefähr 32 Millimeter, Automatik statt historischem Handaufzug, moderne Leuchtmasse, 50 Meter Wasserdichtigkeit und eine derzeit sogar widersprüchlich dokumentierte Glasausführung sind Anpassungen an eine heutige Uhr. Zifferblattprinzip und Sekundenstopp bleiben funktional nachvollziehbar; die militärischen Gravuren sind Reproduktion.
„Perfect recreation“ beschreibt diese Mischung schlechter als „moderne Interpretation“.
Fazit
Die Bulova A-11 Jimmy ist keine moderne Militäruhr, deren Einsatzgeschichte erst durch Marketing erzeugt werden muß. Ihr Vorbild war tatsächlich militärisches Gerät, und Bulova gehörte zu dessen Herstellern.
Die neue Uhr übernimmt davon vor allem die richtige Seite: klare Ablesbarkeit, zentrale Sekunde und Sekundenstopp. Gleichzeitig macht sie daraus eine 37 Millimeter große automatische Field Watch für den heutigen Käufer. Das ist technisch vernünftiger als historische Reinheit um ihrer selbst willen.
Problematischer ist die Genauigkeit der Darstellung. Eine „perfekte Reproduktion“ ist die 96A354 erkennbar nicht. Und solange Bulovas eigene Produktseiten sich nicht einmal darüber einig sind, ob über dem Zifferblatt Mineral- oder Saphirglas sitzt, sollte man auch bei den modernen Spezifikationen genauer hinsehen.
Die alte A-11 mußte Soldaten auf dieselbe Zeit bringen. Bei der neuen wäre es fürs erste schon hilfreich, wenn Bulovas Produktseiten auf dieselbe Spezifikation kämen.