Squale Galeazzi Artiglio: 600 Meter wasserdicht – und ein “Wet Indicator”

  • Squale hat am 15. September gemeinsam mit DRASS Galeazzi die Galeazzi Artiglio vorgestellt.

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    Die auf 500 Exemplare limitierte mechanische Taucheruhr verbindet ein 39,5-Millimeter-Gehäuse mit einer vom Hersteller angegebenen Wasserdichtigkeit von 600 Metern, einem ETA 2824-2 Elaboré und einem Detail, das zunächst beinahe widersprüchlich wirkt: Bei sechs Uhr sitzt ein Wet Indicator, der Feuchtigkeit im Gehäuse sichtbar machen soll.

    Eine Taucheruhr für 600 Meter, die anzeigt, wenn sie naß geworden ist?
    Gerade darin steckt der interessante Teil.

    600 Meter sind eine Eigenschaft – der Wet Indicator ist eine Zustandsanzeige

    Der Wet Indicator setzt dort ein, wo die Abdichtung nicht mehr das getan hat, was sie tun sollte.
    Squale bezeichnet ihn als Wiederbelebung historischer Wet-Indicator-Technik. Beschrieben wird ein interner Feuchtigkeitsindikator, der seine Farbe verändert, sobald Feuchtigkeit ins Gehäuse gelangt. Details zu Indikatorchemie, Ansprechschwelle und Farbwechsel veröffentlicht Squale derzeit nicht.

    Die Grundidee ist eindeutig: Die 600-Meter-Angabe beschreibt, welchem äußeren Wasserdruck das intakte Gehäuse widerstehen soll. Der Wet Indicator zeigt dagegen an, ob sich Feuchtigkeit dort befindet, wo sie nicht hingehört.
    Das eine ist Konstruktionsangabe.
    Das andere Warnung.

    Der Wet Indicator war ursprünglich kein nostalgisches Zifferblattdetail

    Bei militärischen Taucheruhren der fünfziger Jahre war eine Feuchtigkeitsanzeige nicht bloß ein hübsches Erkennungsmerkmal. Die Entwurfsanforderungen der US Navy für eine submersible wrist watch von 1955 verlangten ausdrücklich einen sichtbaren Moisture Indicator. Blancpain beschreibt, daß daraus die bekannte zweifarbige Anzeige der Fifty Fathoms MIL-SPEC entstand.

    Der Grund wird verständlich, wenn man den damaligen Nutzerablauf betrachtet. Eine Taucheruhr war nicht unbedingt persönlicher Besitz des Tauchers. Sie konnte zusammen mit anderer Ausrüstung vor einem Einsatz ausgegeben und anschließend zurückgegeben werden. Der nächste Benutzer wußte damit nicht zwangsläufig, wie die Uhr beim vorherigen Einsatz behandelt worden war.
    Der Feuchtigkeitsindikator beantwortete deshalb eine einfache Frage: Ist Feuchtigkeit in dieser Uhr, bevor ich mich bei der Zeitmessung unter Wasser auf sie verlasse?

    Das ist keine nostalgische Komplikation. Das ist Zustandskontrolle.

    Historisch passend – aber nicht eigentlich Galeazzi-Technik

    Die Galeazzi Artiglio erscheint zum hundertsten Jahrestag eines Patents von Roberto Galeazzi aus dem Jahr 1926 für eine druckfeste sphärische Struktur für Unterwasseranwendungen. Squale und DRASS Galeazzi erzählen dazu die Geschichte Galeazzis, der Bergungsunternehmen mit der Artiglio und der Entwicklung technischer Systeme für große Tiefen.

    Name und Jubiläum haben damit einen realen historischen Bezug. Für den Wet Indicator dokumentiert Squale dagegen keinen direkten Ursprung bei Galeazzi. Die Technik gehört vielmehr zur späteren Geschichte professioneller und insbesondere militärischer Taucheruhren.

    Squale hat also nicht einfach ein historisches Logo aufs Zifferblatt gedruckt, sondern ein altes Funktionsprinzip aus derselben technischen Welt wieder aufgenommen. Man sollte nur nicht aus zwei passenden Geschichten automatisch eine einzige machen.

    Erstaunlich kompakt für 600 Meter

    Das Gehäuse aus 316L-Edelstahl mißt 39,5 Millimeter im Durchmesser, 47 Millimeter über die Bandanstöße und 12,6 Millimeter in der Höhe beziehungsweise 13,2 Millimeter einschließlich Saphirglas. Squale gibt 60 ATM beziehungsweise 600 Meter Wasserdichtigkeit an; Krone und Gehäuseboden sind verschraubt.
    Damit steckt die erhebliche Druckfestigkeitsangabe nicht in einem Gehäuse, das schon optisch als Tauchgewicht durchginge.

    Die einseitig drehbare Lünette besitzt einen K1-Glaseinsatz. Zeiger und Indizes tragen Super-LumiNova BGW9; der orange Minutenzeiger hebt die für die Zeitkontrolle entscheidende Anzeige hervor. Konventionelle Taucheruhrenlogik – und daran ist nichts auszusetzen.

    Das ETA 2824-2 ist hier wohltuend unspektakulär

    Im Inneren arbeitet ein ETA 2824-2 No Date in Elaboré-Ausführung mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde und 42 Stunden Gangreserve.
    Das gewinnt keinen Wettbewerb um die längste Gangreserve und liefert dem Marketing keine aufregende Kaliberbezeichnung. Für eine mechanische Werkzeuguhr kann genau das ein Vorteil sein: Das 2824-2 ist seit Jahrzehnten bekannt und muß hier vor allem zuverlässig Stunden, Minuten und Sekunden liefern.

    Bei rund 1.890 Euro kann man fragen, ob 42 Stunden Gangreserve im Jahr 2026 besonders beeindruckend sind.
    Beeindruckend sind sie nicht — für die Funktion der Uhr sind sie aber auch nicht der interessante Punkt.

    Braucht man 2026 überhaupt noch einen Wet Indicator?

    Nicht in derselben Weise wie ein militärischer Taucher der fünfziger Jahre.
    Eine privat getragene Uhr wechselt nicht ständig den Benutzer, und moderne Taucher verwenden elektronische Instrumente; die mechanische Armbanduhr ist eher Rückfallebene als zentrale Tauchcomputerplattform. Damit verliert der historische Anwendungsfall an Bedeutung.

    Die Funktion verschwindet dadurch nicht. Dichtungen altern, Kronen können falsch bedient werden, nach einem Eingriff kann eine Dichtung fehlerhaft sitzen. Gelangt anschließend Feuchtigkeit ins Gehäuse, ist ein sichtbarer Indikator eine brauchbare Information.
    Allerdings muß man genau sagen, was er leistet: Der Wet Indicator erkennt keinen bevorstehenden Defekt. Wenn er reagiert, ist Feuchtigkeit bereits dort angekommen, wo sie nicht sein sollte.

    Gerade deshalb paßt er zu einer mechanischen Werkzeuguhr: kein Menü, kein Sensorwert, keine Batterie, keine Bluetooth-Verbindung. Nur eine sichtbare Zustandsinformation.

    Und die 600 Meter?

    Für fast jeden Käufer sind 600 Meter konstruktive Reserve und kein realistisches Reiseziel des Handgelenks. Interessanter ist die Kombination aus kompakten Abmessungen, verschraubter Konstruktion, Taucherlünette, gut erkennbarer Minutenanzeige und Feuchtigkeitsindikator.

    Die 600-Meter-Angabe stammt von Squale. Einen unabhängigen Druckprüfbericht für das konkrete Serienmodell habe ich nicht gefunden. Auch die genaue Auslegung und Ansprechcharakteristik des Wet Indicators beschreibt Squale öffentlich nur begrenzt.

    Und dann gibt es noch Sinn

    Wer sich, das soll hier vereinzelt vorkommen, länger mit deutschen Einsatzuhren beschäftigt, wird beim Wet Indicator zwangsläufig an Sinn denken – dort wird das Feuchtigkeitsproblem von der entgegengesetzten Seite angegangen.

    Die Ar-Trockenhaltetechnik muß ich hier kaum erklären. Interessant ist der Gegensatz: Squale zeigt an, wenn Feuchtigkeit im Gehäuse angekommen ist; Sinn versucht mit Trockenkapsel, Schutzgasfüllung und EDR-Dichtungen, Feuchtigkeit möglichst gar nicht erst zum Problem werden zu lassen.

    Der Wet Indicator ist damit vor allem Zustandsanzeige nach dem Eindringen von Feuchtigkeit, während Sinn präventives Feuchtigkeitsmanagement betreibt. Zwei Antworten auf dasselbe Problem – aber an unterschiedlichen Punkten der Ereigniskette.

    Fazit

    Die Galeazzi Artiglio ist natürlich eine limitierte Jubiläumsuhr. Sie besitzt historische Logos, eine Sammlermedaille und ausreichend Geschichte für mehrere Seiten Marketingtext. Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Heritage-Modellen sitzt aber bei sechs Uhr: Der Wet Indicator ist keine Simulation einer historischen Funktion und kein aufgedrucktes militärisches Symbol. Er soll tatsächlich anzeigen, wenn Feuchtigkeit ins Gehäuse eingedrungen ist.
    Sein praktischer Wert ist heute kleiner als bei einer aus einem militärischen Gerätepool ausgegebenen Taucheruhr der fünfziger Jahre – aber er ist nicht null.
    Der Vergleich mit Sinn zeigt zugleich seine Grenze: Man kann Feuchtigkeit anzeigen, nachdem sie zum Problem geworden ist. Man kann aber auch versuchen, sie vorher möglichst konsequent aus dem System herauszuhalten.

    Vor allem zwingt die Artiglio zu einer interessanten Unterscheidung: Wasserdichtigkeit ist kein ewiger Zustand einer Uhr, sondern hängt von Dichtungen, Montage und Zustand des Gehäuses ab.
    Eine 600-Meter-Uhr mit Feuchtigkeitsanzeige ist deshalb weniger widersprüchlich, als es für Leser außerhalb des Sinn-Kosmos zunächst klingen mag. Die eine Zahl sagt, was das Gehäuse können soll. Der kleine Indikator sagt, wann man besser aufhört, sich darauf zu verlassen.

    Einordnung

    Squale ist Primärquelle für Konstruktion, Abmessungen, Werk, 600-Meter-Angabe, Limitierung und Wet Indicator. Einen unabhängigen Langzeit- oder Drucktest der neuen Galeazzi Artiglio habe ich nicht gefunden.

    Die historische Funktion solcher Feuchtigkeitsanzeigen ist gut dokumentiert. Für eine direkte historische Verbindung zwischen Galeazzis Unterwassertechnik und dem Wet Indicator selbst habe ich keine Primärquelle gefunden; der Jubiläumsbezug ist dokumentiert, der Wet Indicator gehört zur breiteren Geschichte professioneller und militärischer Taucheruhren.

    If you're agitated or confused my job here is done.

  • Danke auch von mir, sehr aufschlussreich. Ich hatte mir extra für Dienstag Abend den Wecker gestellt, das ich ja nichts verpasse und muss gestehen ich hatte überhaupt nicht realisiert das der Wet Indikator real funktioniert ! Habe das als aufgedrucktes Logo abgetan.
    Danke fürs teilen : like

    Und ja finde auch, Squale macht schöne Uhren!

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