Werte Mitgefangene, verehrte Uhren-Interessierte und Technik-Liebhaber
bedingt durch gewisse Umstände, habe ich mein Weihnachtsferien-Projekt vorgezogen: Die Zeiger und die Lünette meiner Mühle-Glashütte M1 mit frischer Leuchtmasse zu versehen. Das hört sich so ganz einfach an, bedarf aber klarerweise einiger Vorbereitungen.
Im Vorfeld war mir klar, daß ich das Zifferblatt nicht mit neuer Leuchtmasse modifizieren werde können - den scharf abgegrenzten Tampon-Druck werde ich von Hand niemals so schön hinkriegen. Daher habe ich alle Indizes auf der Lünette, die auch allesamt vertieft ausgeführt sind, vom schwarzen Lack befreit, um sie ebenfalls mit Leuchtfarbe füllen zu können. Das sollte zum Zeit-Ablesen auch genügen.
Bereits vor einigen Wochen habe ich mir bei einem Uhrenwerkzeug-Schleuderer einen verstellbaren Werk-Halter, einen Zeiger-Setzer mit verschiedenen Einsätzen, einen Zeiger-Abheber und einen Leuchtmasse-Kit, bestehend aus Leuchtpulver und Bindemittel, bestellt. Eine leichte Unsicherheit, ob ich mich da wirklich drübertrauen soll, war schon da - aber nun habe ich die Werkzeuge da liegen - also, was soll’s, ich riskiere ja nur eine betagte Uhr, in die ich bereits mehrere hundert Euro in den letzten Jahren investiert habe.
Zuvor habe ich das Uhrwerk bis zum Stillstand auslaufen lassen und nach dem Öffnen des Gehäusebodens die Automatik-Aufzugsgruppe abgebaut, damit sich die Uhr nicht unkontrolliert aufzieht.
Dann habe ich die Uhrzeit, in der die Uhr stehengeblieben ist, dokumentiert, damit ich die Zeiger an der selben Stelle wie vorher setzen kann - schließlich sollte die Datumsschaltung nicht irgendwann erfolgen.Der nächster Schritt sind fast schon Routine: Aufzugswelle in die äußerste Position gezogen, kleines Knöpfchen drücken und raus mit ihr.
Es ist schon ein leicht seltsames Gefühl, die Uhr ohne ihr Gehäuse in den Fingern zu halten - aber nun weiter im Text: Nach ein paar Trocken-Tests mit dem Zeiger-Abheber habe ich mir ein Herz gefaßt und ihn am Sekundenzeiger angesetzt, zusammengedrückt - und schon war der Zeiger von seiner Welle gelöst.
Mit dem Minutenzeiger und Stundenzeiger lief’s genauso glatt - auch die alte Leuchtmasse ließ sich mit der Pinzetten-Spitze problemlos aus den Zeigern und dem Leuchtdreieck der Lünette entfernen. Vorsorglich habe ich mir ein Stück Styrodur zurecht gelegt und 3 Löcher hineingestochen, in denen die Zeiger Platz finden sollten.
Das Gehäuse habe ich einer gründlichen Reinigung unterworfen - das geht mit dem Ultraschallreiniger und einem chemischen Schmuck-Reiniger sehr gut.
Dann ging es an das Anmischens der Leuchtmasse: Pulver und Binder werden 1:1 in einem beiliegenden Schälchen verrührt und können dann aufgetragen werden. Dazu waren zwei kleine Werkzeuge beigelegt, die normalerweise auch als Ölgeber Verwendung finden.
Die angemischte Leuchtfarbe ist zähflüssig genug, um sie von der Zeiger-Hinterseite in die vorgesehenen Öffnungen zu streichen - mit spachtel-artigen Bewegungen funktioniert das ganz gut. Allerdings habe ich erst jetzt wirklich gemerkt, wie fragil so ein Zeiger ist.
Versucht mal, einen Minutenzeiger wiederzufinden, nach er von den Pinzetten-Spitzen katapult-artig quer durch’s Zimmer geschossen wurde !
Zum Glück konnte ich ihn wiederfinden - er klebte durch die Leuchtmasse unten am großen Zeh !
Auch die Indizes in der Lünette ließen sich recht einfach füllen - wie ich die überschüssige Masse wieder runterkriege, war mir zunächst nicht klar, aber zuerst mußte sowieso alles gut trocknen. Eine Nacht auf der Heizung sollte reichen.
Am nächsten Tag war die Leuchtmasse durchgetrocknet. Für das Entfernen der überschüssigen Leuchtmasse habe ich ein Rasiermesser benutzt, das sich seinerzeit als Fehl-Kauf erwiesen hat - es schneidet so einiges, aber keine Barthaare.
Aber ich konnte es flach an der Lünette ansetzen und die überstehenden Masse-Reste so abschneiden. Das Ergebnis sieht dann durchaus brauchbar aus.
Dann hieß es: Alle Fremdkörper vom Gehäuse entfernen, vor allem Fussel, Staub und Fingertapper.
Nun kam das große Unbekannte - das Setzen der Zeiger. Die passenden Einsätzen ausgesucht, in den Zeiger-Setzer eingesetzt und das Uhrwerk genau mittig unter dem Stössel platziert.
Dann habe ich beherzt den Stößel ein paar Mal hinunter gedrückt, bis der Stundenzeiger spürbar eingerastet hat. Auch der Minutenzeiger saß im Handumdrehen wieder auf seiner Achse, der Sekundenzeiger ebenso.
Dann wieder rein mit der Aufzugswelle und den ersten Probelauf gestartet - siehe da, alles läuft und funktioniert. Nur der Sekundenzeiger war leicht nach unten gebogen und streifte am Minutenzeiger. Also habe ich kurzentschlossen den Zeiger-Setzer genommen und ihn so positioniert, daß der Stößel über dem Knick im Sekundenzeiger saß. Dann habe ich den Zeiger leicht über die Stößelspitze gebogen, und schon war das Problem behoben.
Dann war alles bereits zum „Einschalen“: Uhrwerk rein ins Gehäuse, Aufzugswelle einbauen, ein weiterer Funktionscheck, Automatik-Gruppe wieder einsetzen und anschrauben, Dichtungsring auf den Gehäusedeckel und zudrehen.
Naja - das Ergebnis sieht ja noch wie eine Uhr aus !
Sie tickt, die Zeiger bewegen sich - das läßt mich hoffen, daß die Mühle noch brauchbar sein könnte. Ein Dauerlauf während der Nacht wird’s zeigen - einstweilen genehmige ich mir schon ein Gläschen.

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