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Aus dem E-Paper der „NZZ“ vom 22.05.2026
Gruss
Christian

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Für die, die‘s interessiert:
Erst kamen die Künstler, dann die Touristen
Claude Monet und viele weitere Maler haben die Kalksteinfelsen bei Étretat festgehalten – eine Ausstellung zeichnet diese Entwicklung nach
Franz Zelger, Frankfurt am Main
Étretat war bis ins erste Viertel des 19. Jahrhunderts ein kleines, schwer zugängliches Fischerdorf mit strohbedeckten Hütten in einem engen Tal, das steil zu einem Kiesstrand hinabführt. Spektakulär an diesem Ort sind die hohen Kalksteinfelsen, die ihn zu beiden Seiten umrahmen. Durch Erosion sind jene einzigartigen Felsformationen entstanden, die Étretat berühmt gemacht haben: die ins Meer hinausragenden drei Felsentore Porte d’Aval, Porte d’Amont und Manneporte sowie die Felsnadel L’Aiguille. «Das ist die gigantischste Architektur, die es gibt», schrieb Victor Hugo 1835 an seine Frau, Piranesi sei «nichts im Vergleich zu den Naturgegebenheiten von Étretat».
Diese topografischen Besonderheiten waren es, die zunächst Maler und Schriftsteller nach Étretat lockten und dort eine Künstlerkolonie ähnlich jenen von Barbizon oder Pont-Aven entstehen liessen. Eugène Isabey war der Erste, der sich längere Zeit in Étretat aufhielt. Er wohnte bei Fischern und pflegte den Kontakt zur lokalen Bevölkerung. Seine Motive hielt er zuerst in stimmungsvollen Aquarellen fest, um sie später in Gemälden weiterzuverwenden.
Ähnlich verfuhr der Deutsche Johann Wilhelm Schirmer, einer der ersten ausländischen Maler, die Étretat aufsuchten. Er fertigte präzise Landschaftsstudien in Öl an, die er dann in seinem Unterricht an der Düsseldorfer Akademie oder als Vorlagen für historische Szenen benützte.
Das Bild von Étretat als Seebad prägte vor allem Eugène Le Poittevin mit seinen figurenreichen, anekdotischen Darstellungen des Badebetriebes und der Arbeit der Fischer, die er regelmässig im Pariser Salon ausstellte. Zusammen mit Isabey und dem Schriftsteller Alphonse Karr, den «Erfindern» von Étretat, trug er so entscheidend dazu bei, dass der Küstenort auch das Pariser Bürgertum anzog. Prominenz wie der Komponist Jacques Offenbach und der berühmte Bariton und Kunstsammler Jean-Baptiste Faure nobilitierten Étretat ihrerseits als Treffpunkt der künstlerischen und intellektuellen Elite.
Courbets sensationeller Erfolg
«Es gibt viel zu sehen für einen Maler und viel zu träumen für einen Dichter!», hatte der Schotte Leitch Ritchie schon 1834 in seinem Reiseführer zu Étretat vermerkt. Was die Dichter betrifft, so sollten mehrere Generationen seine Feststellung bestätigen, von Victor Hugo, Gustave Flaubert und Guy de Maupassant bis zu Maurice Leblanc, dem Autor der Arsène-Lupin-Romane, und Georges Simenon.
Die Schwergewichte unter den Malern kamen ab den 1860er Jahren zu den legendären Felsen. Gustave Courbet malte im Sommer 1869 eine Reihe von Wellenbildern unter verschiedenen atmosphärischen Bedingungen und aus verschiedenen Blickwinkeln. Er arbeitete im Atelier von Le Poittevin, einem Verwandten von Maupassant, der nach einem Besuch dort notierte: «In einem grossen leeren Raum drückte ein gigantischer, schmutziger und schmieriger Mann mit einem Küchenmesser Kleckse weisser Farbe auf eine grosse leere Wand. (. . .) Das Meer kam so nah, als wolle es gegen das Haus schlagen, das in Schaum und Lärm getaucht war. (. . .) Das Werk wurde die ‹Woge› und machte Unruhe in der Welt.» Im Pariser Salon von 1870 erntete Courbet mit den Étretat-Bildern einen sensationellen Erfolg.
Dieser Triumph animierte seinen Freund Claude Monet, es Courbet gleichzutun und neue Blickwinkel zu entdecken, wie jetzt die Ausstellung «Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat» im Frankfurter Städel-Museum aufzeigt. Monet hatte sich schon in den 1860er Jahren in Étretat aufgehalten und damals neben dem grossformatigen Familienbild «Das Mittagessen» auch die Klippen gemalt, die ab seinem Winteraufenthalt von 1883 zu seinem Hauptmotiv wurden.
Bis 1886 entstanden über 80 Gemälde, von denen jetzt 24 in Frankfurt vereint sind. Dabei hielt er die gewaltige Naturszenerie unter wechselnden Licht-, Wetter- und Tageszeitverhältnissen fest, oft von Standorten aus, die nur unter Gefahr erreichbar waren. Die Topografie lässt er hinter der Farbwirkung zurücktreten. Hier erprobt er erstmals die Form der seriellen Motivwiedergabe, die später zu einem Kennzeichen seines Schaffens wird.
Eine Goldmine für Maler
Diese Produktivität war auch Monets Kunsthändler Paul Durand-Ruel geschuldet, der wusste, was bei den Sammlern gefragt war, und seine Künstler dazu anhielt, entsprechende Sujets zu liefern. Monets Étretat-Bilder konzentrieren sich ganz auf das Faszinosum der Klippenlandschaft. In einigen Aquarellen verdichtet er diese zu einer Schichtung horizontaler Farbstreifen. Das harte Leben der Einheimischen blendet er ebenso aus wie die Präsenz der Badegäste und Flaneure auf der Promenade.
Damit steht Monet nicht allein. Die Mehrzahl der Étretat-Ansichten ist menschenleer, fokussiert auf das Meer und die Felsklippen. Von der Zivilisation zeugen als charakteristische Sujets allenfalls Fischerboote, die Seilwinden, mit denen diese in Ermangelung eines Hafens an Land gezogen wurden, und die aus ausrangierten Schiffsrümpfen gefertigten Caloges, primitive Hütten. Solche erkennt man etwa auf den Étretat-Gemälden von Eugène Boudin, der zuvor mit Darstellungen des mondänen Strandlebens von Trouville und Deauville reüssiert hatte und nun seinen Wirkungsort wegen der guten Verkaufsaussichten verlegte.
«Étretat ist eine unerschöpfliche Goldmine für die Maler», konstatierte der Archäologe J. B. D. Cochet. Auch Corot bezog in seine Étretat-Kompositionen die ländliche Umgebung mit Mühlen und strohbedeckten Häusern ein. Zu den wenigen Malerinnen, die Étretat aufsuchten, zählte die Schweizerin Sophie Schaeppi, auch sie auf den Spuren Monets. Sie hat die Klippen in einem Zeichenheft in feinsten Schraffierungen festgehalten.
Seit den 1850er Jahren tummelten sich in Étretat auch die Fotografen und verhalfen dem Ort zu weiterer Bekanntheit. Dank einer Schwarz-Weiss-Fotografie konnte so Anselm Feuerbach eine düstere Ansicht der Manneporte malen, ohne je in der Normandie gewesen zu sein. Auch Félix Vallotton hat seinen Ferienort zuerst mit der Kamera erkundet und die Aufnahmen als Vorlage für seine Étretat-Bilder verwendet.
Rhythmisierte Farbfläche
Im Verlauf von rund 150 Jahren, von der Romantik bis zur klassischen Moderne, sind die Felsklippen von Étretat auf unzählige Arten gelesen und ins Bild gesetzt worden: als tektonisches, geologisches, koloristisches Phänomen, als Naturwunder mit den Umrissen eines riesigen Elefanten, als Ungeheuer, unheimlich oder anziehend. Als letzter Maler, der Étretat ein umfangreiches Konvolut an Gemälden und Zeichnungen gewidmet hat, stellte sich Henri Matisse bewusst dem Vergleich mit den Vorgängern Courbet und Monet. Die Küstenlandschaft wird bei ihm zur rhythmisierten Farbfläche.
Das heutige Étretat ist ein touristischer Hotspot. Rund 1,5 Millionen Besucher jährlich beschleunigen die Erosion, weshalb der Zugang zu den Klippen und zum Strand zu grossen Teilen gesperrt werden musste. Im Frankfurter Städel lässt sich der magische Ort jetzt ohne Umweltbelastung erwandern.
Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat. Städel-Museum Frankfurt am Main (in Kooperation mit dem Musée des Beaux-Arts de Lyon), bis 5. Juli. Katalog: 44.90 Euro.
Aus dem E-Paper drr „NZZ“ vom 19.05.2026
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Ich war schon drin. Sehr sehenswert m. E.
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Wir waren auf unserer Normandie Tour in Etretat. Wunderbare Stadt und Landschaft.
Monet‘s Garten haben wir uns auf der Rückfahrt angeschaut. Ein Erlebnis
Und der göttliche Benedictine aus Fecamp sowieso
Danke Dir fürs Teilen !
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wir waren auf unserer Normandie-Tour 1977 bei einer Besichtigung einer Cavados Fabrik.
Danach war aus unserer Reisegruppe niemand mehr in der Lage, etwas zu sehen

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