Ich möchte heute eine Uhr vorstellen. Bevor ich auf meine persönliche Geschichte eingehe kurz zur Einordnung der Marke:
Yema wurde 1948 in Frankreich von Henry-Louis Belmont gegründet und entwickelte sich insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einem der bedeutendsten französischen Hersteller von Sport- und Toolwatches. In dieser Zeit war Yema international stark vertreten und mit rund einer halben Million produzierten Zeitmessern jährlich, der größte französische Hersteller für Uhren. In dieser Zeit wurde Yema zeitgleich auch der offizielle Ausstatter der "Fédération Française de Yachting à Voile", also der französischen Segelföderation und stattete unter anderem auch das landeseigene Segelteam zur Olympiade in München 1972 aus.
![]()
Die weitere Unternehmensgeschichte ist geprägt von mehreren Eigentümerwechseln. Anfang der 1980er-Jahre wurde Yema Teil von Matra Horlogerie. In dieser Phase war unter anderem Richard Mille in verantwortlicher Position für die internationale Entwicklung tätig und wirkte auch an einzelnen Projekten mit. 1986 übernahm Hattori-Seiko Co. Ltd. die Marke, wodurch Yema bis 2004 unter japanischer Führung stand.
Seit 2009 gehört Yema zur französischen Ambre-Gruppe und ist damit wieder in französischer Hand. In den letzten Jahren wurde gezielt in eigene Werke, lokale Fertigung und Qualitätssteigerung investiert. Dadurch hat sich die Marke wieder stärker im Markt positioniert und wird heute vor allem für eigenständige, technisch solide Modelle wahrgenommen, die auch im Sammlerumfeld wieder zunehmend Beachtung finden.
Wie komme ich dazu?
Schon seit längerer Zeit hatte ich ein Auge auf die Yema "Croisière", was Kreuzfahrt bedeutet, geworfen.
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mich von Anfang an die Funktion eines Regatta-Chronographen überzeugt hat und ich die Uhr primär als funktionales Instrument betrachtet habe. Das wäre aber gelogen, denn tatsächlich war es aber schlicht die Farbgebung dieser Modelle, die mich zuerst angesprochen hat. Das Abwechselnde blau, rot und weiß sowie vor allem das rote Kreuz auf 6 Uhr hat mir einfach sofort richtig gut gefallen.
Also habe ich mir vor einigen Jahren einen Suchalarm für eine Yema Yachtingraf gesetzt und das Thema erstmal laufen lassen. Diese ganze Thematik rund um Yachting, Regatta-Timer und die entsprechenden Komplikationen fand ich tatsächlich auch erst seit meinem ersten Aufenthalt auf einem Segelboot letztes Jahr interessant.
Wie ich an anderer Stelle schon mal erwähnt hatte, war ich nebenberuflich mit meinem Master beschäftigt. An einem meiner Lerntage hatte ich mir bewusst freigenommen, um mich komplett aufs Lernen zu konzentrieren. Morgens, noch bevor ich angefangen, habe ich wie so oft kurz auf eBay Kleinanzeigen geschaut - man kennts - und gesehen, dass mein Suchalarm ausgelöst hatte. Diesen hatte ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich komplett vergessen - und wie es der Zufall so wollte, war die Uhr gar nicht weit von mir entfernt. Ich war mir zuerst fast sicher, dass das ein Fake Angebot sei. Diese Version der Uhr hatte ich außerdem noch nie zuvor gesehen.
Etwas misstrauisch habe ich den Verkäufer direkt angeschrieben und bin innerhalb von etwa 15 Minuten losgefahren. Zwei bis drei Stunden später hatte ich die Uhr tatsächlich in der Hand.
Der Zustand war allerdings alles andere als gut. Die Uhr lag in einer Kruschkiste zusammen mit diversen anderen Flohmarkt-Fundstücken. Das hat man ihr angesehen. Das Werk lief zwar, aber die Leuchtmasse war komplett zerbröselt, das Glas stark verkratzt und überall im Gehäuse und auf dem Blatt verteilt war Staub von der alten Leuchtmasse. Insgesamt also eher mau. Der Verkäufer war ein richtig sympathischer Kerl. Ich habe ihm gleich erzählt, dass diese Uhr erst nach erfolgreichem Abschluss an den Arm kommt und er hat sich richtig für mich mit gefreut.
Gelernt habe ich an dem Tag dann zwar nichts mehr, aber dafür die Uhr mitgenommen und direkt beim Uhrmacher abgegeben, mit der Ansage, dass er sich Zeit lassen kann. Bis ich fertig bin, würde ich sie ohnehin nicht tragen. Das bringt Unglück. In der Zeit habe ich sie zwar nicht gesehen, die Uhr, aber definitiv nicht vergessen. Sie war gedanklich immer präsent.
Hier noch ein Foto der Uhr direkt nach dem Kauf:
Erfolgreicher Abschluss der Restaurierung und des Studiums
Nach dem erfolgreichen Abschluss meines Masters und der bestandenen Verteidigung meiner Abschlussarbeit konnte ich die Uhr dann, mit einer kleinen Verzögerung, endlich wieder entgegennehmen.
Das Ergebnis hat mich ehrlich gesagt komplett überrascht. Auch wenn das auf den Bildern vielleicht nicht ganz so deutlich rüberkommt, war der Ausgangszustand so schlecht, dass ich nicht damit gerechnet habe, die Uhr jemals wieder in diesem Zustand zu sehen. Gerade das Glas war derart mitgenommen, dass ich davon ausgegangen bin, dass auch das Ziffernblatt entsprechend gelitten haben muss. Das hat sich jedoch als falsch herausgestellt.
Da für dieses Modell keine Ersatzgläser verfügbar sind, wurde das vorhandene Glas aufgearbeitet und poliert. Es hat sich gezeigt, dass das Ziffernblatt selbst in einem erstaunlich guten Zustand ist.
Der Uhrmacher hatte zwar zwischenzeitlich seine Schwierigkeiten mit der eher eigenwilligen französischen Konstruktion, insbesondere was Fertigungstoleranzen und das System der Werkhalterung und Komplikation angeht, hat am Ende aber alles wieder sauber zusammengebaut. Technisch läuft die Uhr jetzt einwandfrei.
Bei der Leuchtmasse hat er sich aus meiner Sicht selbst übertroffen. Um eine möglichst authentische Optik zu erreichen, hat er Tritiumreste aus alten Zeigern verwendet, diese aufbereitet und neu angemischt. Das Ergebnis wirkt selbst unter hellem Licht sehr nah am Original auf dem Ziffernblatt.
Das Ziffernblatt musste selbst nicht bearbeitet werden, abgesehen vom Entfernen der alten, zerfallenen Leuchtmasse aus den Zeigern. Die Indizes zeigen eine sehr schöne, gleichmäßige Alterung.
Das Glas ist im Bereich des Übergangs zur Tachymeter-Skala leicht angegriffen, weshalb die Uhr aktuell nicht wasserdicht ist. Entsprechend wurde es bei der Revision auch nicht vollständig demontiert.
Die Lünette beziehungsweise das Bakelit-Inlay befindet sich in einem sehr guten Zustand. In Kombination mit dem gewölbten Plexiglas, dem mehrschichtigen Aufbau des Ziffernblatts, wegen der abgesenkten kleinen Sekunde und der "tiefen" Regatta-Anzeige auf der rechten Seite ergibt sich eine räumliche Wirkung. Besonders in Verbindung mit der leicht abfallenden Tachymeter-Skala entsteht ein wirklich tolles Gesamtbild.
Genug der Worte, hier die Bilder. Ich beginne mit einem direkten Vorher-Nachher-Vergleich.
Ich kann nicht genug betonen, wie begeistert ich von der Arbeit des Uhrmachers bin! Natürlich trägt auch ein standesgemäßes Tropic-Band maßgeblich zum Look bei:
Technische Daten
- Modell: Yema Yachtingraf Regaté "White Ship" Type 6
- Bauzeit: Ende der 1960er, etwa 1969 bis 1970
- Gehäuse: Edelstahl
- Durchmesser: ca. 39 mm ohne Krone
- Höhe: ca. 13 mm inkl. Plexi
- Bandanstoß: ca. 20 mm
- Glas: gewölbtes Plexiglas
- Lünette: Bakelit-Inlay mit Tachymeter-Skala
- Werk: Valjoux 7733"s" - kurz gesagt wurde hier der Minutenzeiger des Chronographen durch eine rotierende Countdown-Scheibe ersetzt, wofür das Ziffernblatt komplett anders aufgebaut und hergestellt werden musste
- Ziffernblatt: mehrschichtiger Aufbau mit integrierter Regatta-Anzeige, Tritium
- Zeiger: schwarz gefärbt mit Tritium, Sekundenzeiger des Chronos charakteristisch mit großer Spitze ohne Leuchtmasse
- Aufzug: Handaufzug
- Frequenz: 18.000 A/h
- Gangreserve: ca. 45 Stunden
Diese Variante der Yachtingraf stammt aus einer Phase, in der mit unterschiedlichen technischen Lösungen für Regatta-Countdowns experimentiert wurde. Im Gegensatz zu einfacheren Umsetzungen über farbige Skalen wurde hier eine mechanisch integrierte Scheibenlösung realisiert, was konstruktiv deutlich aufwendiger ist. Bei anderen Modellen hat man schlichtweg den Toti anders gestaltet, und mittels "doppeltem" Sekundenzeiger den Countdown abgebildet.
Die Uhr gilt als selten. Es sind nur sehr wenige Exemplare dokumentiert, es wird von etwa 25 bekannten Stücken ausgegangen. Typisch französisch sind nicht nur die genannten Fertigungstoleranzen und die Bauweise, sondern auch die Nummerierung, der Gehäuse. Hier gibt es, warum auch immer, nur zwei Nummern.
Gut, Bilder und Daten sind bekannt. Jetzt stellt sich euch wahrscheinlich die gleiche Frage, die ich mir auch lange gestellt habe:
